Freitag, 29. Mai 2015

Kritik: Les Particules Élémentaires - dt. Elementarteilchen - Michel Houllebecq (Roman)

Aus welchen Teilchen setzt sich unsere Moderne zusammen?

Gravitationslinse (Quelle: Wikimedia)
Skandalöse Romane neigen dazu sich in unserer sensationsbesessenen Zeit schnell zu verkaufen. Allerdings findet man hinter der provozierenden Fassade selten ein durchdachtes Konzept. "50 Shades of Grey" zeigt die Fesselfantasien unterwürfiger Hausfrauen, hat ansonsten nur platte Charaktere, Gender-Klischees und Null Schreibästhetik zu bieten. Feuchtgebiete setzt auf Ekel-Nervenkitzel.

Michel Houllebecq ist da anders. Oft als einflussreichster französischer Autor der Gegenwart bezeichnet, nahm er nie ein Blatt vor den Mund und legte stets "den Finger in die Wunde" unserer gegenwärtigen Konsumgesellschaft. 

Michel Houellebecq (Quelle: Wikimedia)
Sein Roman "Elementarteilchen" ist eine Abrechnung  mit der Moderne und eine Aufzählung dessen, was Kapitalismus und Schönheitswahn im heraufbeschworenen Materialismus zerstört haben. 2006 wurde er mit Moritz Bleibtreu und Christian Ulmen verfilmt und bekam in Berlin einen silbernen Bären für den besten Darsteller.

Inhaltlich geht es um das Leben zweier Brüder - Bruno und Michel -, die sich auf unterschiedliche Weise in ihrer individuellen Freiheit überfordert sehen. Ihr Leben wird im flüssigen Stil bis ins kleinste Detail herunter gebrochen, was ihre tragischen Schicksale nachvollziehbar und verständlich macht.

Quanten- und Biophysik, Aldous Huxleys "Schöne neue Welt", Auguste Comte und der Positivismus, die "New Age"-Bewegung und der Satanismus. Houllebecq bedient sich dabei zahlreicher naturwissenschaftlicher, philosophischer, künstlerischer und religiöser Denkweisen und streut diese wie gut platzierte Anekdoten und in den konstanten Fluss der Handlung. Das kann mitunter verwirrend sein, ist aber Teil des künstlichen Spiegelbildes unserer Gesellschaft mit ihrer Informations- und Wissenskultur, die etwa im Internet allgegenwärtig und in einer chaotischen Masse über uns hereinbricht.

Amüsant, flüssig zu lesen und stets nachdenklich, wenn auch an manchen Stellen recht explizit, tragisch und kompromisslos ...
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