Freitag, 16. Januar 2015

Organische Götter. Gedankenwelten - Teil I

Organische Götter

Qualle. Aufgrund des Designs seiner Monster wird oft vermutet, dass Lovecraft neben Xenophobie auch einen Ekel vor Meeresgetier in seinem Werk verarbeitete.
The oldest and strongest emotion of mankind is fear, and the oldest and strongest kind of fear is fear from the unknown“H. P. Lovecraft (1890-1937)
Im Auftakt zu meiner Artikelreihe „Gedankenwelten“ würde ich gerne etwas behandeln, was uns alle betrifft. Der Schriftsteller H. P. Lovecraft hat es in einem Zitat wunderbar zusammengefasst:
„Die älteste und stärkste Emotion der Menschheit ist die Furcht, und die älteste und stärkste Art von Angst ist die Furcht vor dem Unbekannten.“
Angst ist eine nützliche Errungenschaft der Evolution und wie jede andere Emotion fähig sowohl gute als auch schreckliche Taten hervorzurufen. Sie wird dann gefährlich, wenn sie irrational ist. Lovecraft ist für die Visualisierung dieses Prinzips bekannt geworden.
Der Cthulhu-Mythos fasst die triebhafte Wildheit der Angst in unförmigen Monstern zusammen. Die pure Begegnung mit diesen Wesen, die eine immaterielle Kraft verbildlichen, treibt seine Protagonisten in den Wahnsinn.

Lovecraft war ein Kind der Jahrhundertwende, in der latenter Rassismus und Vorurteile gegenüber fremden Kulturen und Religionen in der gesamten Gesellschaft verbreitet waren. Gerade deswegen, ist er interessant. Gerade deswegen ist er in Zeiten von Pegida und Co wieder aktuell. In seinem Werk hat er seine eigenen Ängsten vor dem Unbekannten ein Gesicht gegeben, so wie er sie wahr nahm. Damit kann man arbeiten, um zu verstehen wie Parallelgesellschaften als Reaktion entstehen.

Ich im Holocaust-Denkmal, Berlin

Dekonstruktion einer verblendeten Weltsicht

Im Zuge meines Studiums habe ich mich dieses Semester mit der europäischen Immigration ins osmanische Reich des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Das war ein Glücksfall für mich, gerade in den persönlichen Debatten, die ich mit „Angstgetriebenen“ zum Thema Islamfeindlichkeit und Pegida führen musste. Unter den Levantinern besaßen vor allem (aber nicht nur) die Malteser einen besonders schlechten Ruf.

Dingli-Coast, Malta (Quelle: Wikipedia)

Malta ist ein kleines, felsiges Archipel im Mittelmeer, nicht mal 200 Meilen vor der Küste Tunesiens. Wegen Überbevölkerung strömte eine Masse an europäischen Proletariat in die Hafenstädte der osmanischen und französischen Kolonien. Dort stießen sie sowohl im Kontakt mit Türken als auch mit Europäern bald auf erhärtete Feindbilder und Stereotypen.
In Frankreichs Kronkolonie Algerien galten die Malteser als Gefahr für die öffentliche Stabilität. In Istanbul, Tunesien und anderswo begegnete man ihnen nicht freundlicher. Im Rahmen des Tanzimats wurden auch viele gebildete Europäer ins osmanische Reich geholt.
„Throughout the Levant the name of Maltese is connected with all that is turbulent, fanatical, dishonest, and immoral“
So äußerte sich der amerikanische Reisende James de Kay im Jahr 1833.
Kommt einem das nicht bekannt vor?
Ich hatte im Angesicht des Diskurses um die Pariser Attentate mehr als ein Déjà-Vu-Erlebnis. Die Vorurteile mündeten in einer weit verbreiteten Angst vor maltesischer Immigration. Es gibt nur einen wichtigen Unterschied, die Malteser waren erzkatholisch und keine Muslime.
Das lässt nur einen Schluss zu: Kriminalität und Abschottung von Migrationsgemeinschaften sind ein soziales und kein religiöses Problem und zwar der Gesellschaften, in der sie stattfinden.

Die Geburt von Parallelgesellschaften

Die Malteser gehörten zu den ärmsten unter den europäischen Einwanderern der Levantiner. Auf der Suche nach Arbeit kamen sie in die nordafrikanischen Hafenstädte. Oft besaßen sie keinen Pass, nicht einmal Schuhe. Durch ihre halbeuropäische, halbarabische Kultur verweigerten sie sich jeglicher Kategorisierung, die den Nationalisten in allen Ländern so wichtig war. In Frankreich galten sie wegen ihrer Sprache als arabisch. Im osmanischen Reich wegen ihrer Religion als westlich. Von daher waren ihre Möglichkeiten beschränkt.

Sinnbild der nationalistischen Vorurteile im 19. Jh. (Quelle Wikimedia, Stand 16.01.2015, 17:22)

So konnten maltesische Immigranten trotz ihrer hervorragenden landwirtschaftlichen Erfahrung in Algerien keinen eigenen Boden erwerben. Das einzige, was ihnen blieb, waren Tagelöhner-Arbeiten, etwa Tür-zu-Tür-Verkauf von Käse und Milch. Nicht wenige glitten angesichts dieser dürftigen Aussichten in die Kriminalität – etwa Schmuggel - ab, die schnellen Reichtum versprach und sich in der Rekrutierung nicht durch kulturelle Vorurteile behindern ließ. Ihre Armut hatte sie zu dem auch dahingehend trainiert, mit deutlich weniger Lohn auszukommen als jene Einwanderer aus den Wohlstandsregionen Europas. Verschärft wurde diese Situation noch durch den formalen Rechtsschutz, den die Briten – die seit 1814 Malta kolonial beherrschten – aus Prinzip ausstellten, um den Osmanen eins auszuwischen. Zwischen Kriminellen und unbescholtenen Bürgern unterschieden sie beim Ausstellen der Kapitulationen nicht. Man kann sich vorstellen, dass das zu weiteren Konflikten und Vorurteilen führte.


Wie reagierten die Malteser auf diese Anfeindungen? Ganz einfach: Sie schotteten sich ab. Ihre maltesische Identität – definiert hauptsächlich durch Kultur und Religion – entstand im kolonialen Kontext. In seiner Kritik an der hegelschen Philosophie hat Karl Marx dieses Phänomen sehr gut beschrieben:

"Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes. "

Im Zeitraum von 1846-1860 heirateten 83% der Männer und 91% der Frauen in den Istanbuler Gemeinden der Malteser innerhalb der eigenen Gruppe.

Was also tun?

Frankfurter Buchmesse 2014
Ängste vor dem Unbekannten, als die schleimigen Tentakelmonster, die sie sind, überwinden und feststellen, dass wir alle Menschen sind und alle unter denselben realpsychologischen Problemen leiden. Ein Deutscher, der am Boden der Gesellschaft hat sogar mit weniger Problemen zu kämpfen als ein Flüchtling, dem alles fremd erscheinen muss in diesem Land, weil er nicht einmal die Sprache versteht.

Die Lösung liegt darin mit Sozialarbeitern und Anreizen auf diese Menschen zuzugehen. Will man den religiösen Fanatismus besiegen, kann man das nur im Dialog und nicht, indem man den eigenen Ängsten erliegt, die Terroristen und ihren gegenüberliegenden rechten Fliegenfängern so in ihrer eigenen Agenda bestätigt. Das nennt man eine selbsterfüllende Prophezeiung.


Multikulturelle Verständigung ist wahre Stärke. Hass ist Schwäche und löst keines der Probleme, die Parallelgesellschaften verursachen, sondern verschärft sie nur. Wenn man darauf eingeht, verhilft man den Terroristen zum Erfolg, denn die wollen nichts anderes als eine Spaltung der Gesellschaft erzeugen. Gegen Rassismus, für ein buntes Deutschland! #JeSuisCharlie

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