Donnerstag, 22. Januar 2015

Kami

Kami - Episode 1 "Eine offene Rechnung"


Hoffnungen, Pläne, Illusionen sind Verjüngungsmomente des Lebens. Es sind Morgenröten, deren Glanz immer wieder bezaubert.”
Martin Kessel, dt. Schriftsteller (1901-1990)


Florian Rankenstein war kein Mann, der Angebote verkommen ließ. Lifestyle-Magazine hätten ihn wohl als Lebemann beschrieben. Sein Nadelstreifenanzug saß perfekt, maßgeschneidert. Er sah die Welt durch den grauen Schleier eines PKW-Fensters und dachte an seine Frau. Wenn er gegen 18:00 von der Arbeit kam, würden sie essen, anschließend etwas fernsehen und wenn die Kinder schliefen ihre Ehe auskosten. Die treibende Verlockung der täglichen Routine.
Wie ein Balsam legte sich der Schatten der hohen Glashäuser auf seine Augen. Die Anstrengung der letzten Woche war vergessen. Diese Journalistin, die sich Magnolia nannte. Ein hartnäckiger Fisch. Mehr als einmal hatte er sich verplappert. Es waren irrelevante Dinge gewesen. Gott mochte das 21. Jahrhundert segnen für all die Verschwörungstheorien, die nichts aufdeckten, sondern halfen Wahrheiten in einem Meer aus exotischer Extravaganz zu ertränken. Der wirre Cocktail aus Farben, in der die Realität als die unattraktivste Komponente von allen erschien.
Im Schritttempo schlängelten sie sich zwischen Glastürmen und -kästen durch die Stadt. Ihr Ziel lag in einer der Seitenstraßen. Der Kompass tickte auf seinem Kurs durch die Zeit und er fühlte kein Verlangen in diese Reise einzugreifen.
In der Mittagspause hatte sein Handy geklingelt. Rankenstein erwartete das Treffen mit einem neuen Geschäftspartner. Ratternd kam der Motor auf einem Parkplatz zum stehen.
Wie lange wird das Meeting dauern, Herr Rankenstein?”, fragte der Fahrer.
Ein bis zwei Stunden, vielleicht drei.”
Seine Schätzungen waren nie falsch. Er knöpfte das maßgeschneiderte Jackett zu und warf einen besorgten Blick zum grauen Himmel. Der Wind war kalt, selbst im Herzen der Zivilisation.
Eine breite Fensterfront gab einen dürftigen Blick in das chinesische Interior frei. Stuckdrachen vergoldeten die Säulen am Eingang des Restaurants. Die Wärme hüllte ihn mit Bratgerüchen ein. Er stand vor einem Aquarium, in dem Koikarpfen schwebten. Eine Frau mit asiatischen Zügen lächelte ihm zu und fragte nach einer Reservierung.
Rankenstein. Ich hatte einen Fensterplatz bestellt.”
Der Blick nach draußen war ihm wichtig, um frei denken zu können.
Der andere Herr ist bereits eingetroffen”, zögerte die junge Frau. “Allerdings bestand er auf einem Raum im inneren Kreis. Tut mir Leid.”
Stirnrunzelnd versicherte Rankenstein der Kellnerin, dass das kein Problem sein würde. Es kam vor, dass Geschäftspartner auf einen anderen Tisch bestanden. Es war Teil dieser Machtspielchen reicher Männer. Rankenstein hatte gelernt damit umzugehen und sie zu seinen Gunsten zu nutzen. Ein Löwe war nur dann gefährlich, wenn man das Tier einem hungrig begegnete. In die hölzerne Trennwand hatte man eine gepolsterte Bank eingelassen über Hydrokulturen mit Zierbambus, um neugierige Blicke von den äußeren Tischen zu umgehen.
Sie sind spät dran.”
Ein Löffel schabte auf blau-weißem Porzellan. Suppe tropfte zurück, gefolgt von einem schlürfenden Geräusch. Rankenstein setzte sich gegenüber der Gestalt im schwarzen Mantel. Ein Hut verschleierte den Blick in sein Gesicht. Nervosität stieg in ihm auf wie Galle nach einer durchzechten Nacht.
Sie sind der Kontakt von Morpheus?”
Die verhüllte Gestalt sagte nichts und schob ihm einen Zettel zu. In diesem Moment kam die Kellnerin. Als Taktiker bestellte Rankenstein dieselbe Suppe wie sein Gegenüber und eine Frühlingsrolle. Als die Kellnerin in die Küche verschwand, öffnete Rankenstein das zerknitterte Papier. Er fröstelte. Es stank nach Rasierwasser.
Ich bin Morpheus.”
Äh … ja”, erwiderte Rankenstein. “Am Telefon sagten sie etwas über ein Artefakt von großem Wert, das sie interessiere. Meine Sammlung umfasst viele solcher Stücke.“
Er musterte die vermummte Gestalt. Die Form der Hände waren das einzige, was als menschlich herausstach. Die Haut wirkte bizarr wie die eines Monsters aus Gummi. Rankenstein spürte die kühlende Nässe auf seinem Rücken, als er sein Jackett auszog. In dieser Kleidung musste Morpheus schwitzen wie ein Schwein.
Wir haben uns schon einmal getroffen, Herr Rankenstein.”
Suppe tropfte vom Löffel zusammen mit einem größeren Shitake-Pilz. Die Suppe spritzte auf die Tischdecke und den Mantel des Unbekannten. Mit einem hageren Daumen wischte er den Fleck vom Stoff.
Damals trugen sie einen anderen Namen und hatten eine anderen Ruf”, sagte er.
Ich weiß nicht, wovon sie reden”, sagte die Maske des Geschäftsmannes.
Er lockerte den Knoten seiner Krawatte.
Vor einer halben Ewigkeit war der Gegenstand im Besitz einer Frau, die sich Annabelle Bourdeux nannte. Sie missbrauchte ihn für ihre eigenen Zwecke. Dafür wurde sie bestraft und gebrandmarkt. Das Artfakt wurde ihnen übergeben. Dafür, dass sie es sicher verwahrten, gaben wir ihnen die Erlaubnis es bei ihren Experimenten zu nutzen. Auch wenn es sich um Fehlschläge handelte. Wir dachten, sie hätten ihre Lektion gelernt, Herr Rankenstein.”
Er schob sich einen Löffel Suppe in den Mund. Der Vorstoß überraschte Rankenstein.
Der Stein ist sicher. Sie wird ihn nicht finden. Ich habe ihr kaum mehr gegeben als eine Legende”, sagte er. “Nichts weiter als eine Geschichte.”
Es klirrte, als der Löffel auf Porzellan traf.
“Der Stein ist das Herz eines alten Gottes”, sagte der Fremde. “Sie wissen, wer und was sie ist. Eine Närrin. Sie hat aus Sentimentalität einem Schwarzmagier die Gabe der Unsterblichkeit geschenkt. Es heißt auch er ist auf der Suche nach dem Artefakt.”
Es klirrte als er den Löffel in den Suppenteller legte. Rankenstein schluckte. Er wusste wer dieser Mann war. Das Gesicht der Reporterin kam ihm in den Sinn.
S-Sie ist im Ruhrgebiet”, sagte er und schluckte, um seine Stimme zu beruhigen. “Es war dieses Reportermädchen, nicht wahr? Magnolia war ihr Name, glaube ich, nicht Annabelle.”
Lassen sie mich ihre Situation erklären. Die großen Sieben fechten ihre kleinen Kriege auf dieser Welt aus. Sie beeinflussen Menschen, bestechen sie durch Versprechen, aber kümmern sich keinen Deut darum, ob sie leben wollen oder durch Dummheit zu sterben gedenken. Doch ein solches Artefakt ist zu mächtig. Es birgt die Macht Tote zum Leben zu erwecken und eine Brücke zu jenen Wesen zu schlagen, die hinter dem Vorhang dieser Welt warten. Wenn man sich ihnen in den Weg tritt, vernichten sie denjenigen, der nicht unter dem Schutz eines der Ihren steht.” Morpheus faltete seine Hände zu einer Pyramide.
Annabelle weiß das. Sie steht unter dem Schutz von Upisce. Sie hofft sich etwas erkaufen zu können, indem sie die Interessen unserer Meister gegeneinander ausspielt. Ich habe sie gewarnt, Rankenstein, wir haben sie gewarnt. Dennoch plapperten sie. Dank ihnen ist das Herz von L'trilobita nicht mehr sicher.”
Es gibt viele magische Artefakte. Was spielt das für eine Rolle? Sie wird den Stein nicht finden, das habe ich ihnen versprochen.”
Rankenstein fühlte sich, als würde seine Kehle austrocknen. Es war als wurde sich die Welt um ihn herum schließen wie ein dunkler Schleier. Ein Vorhang, der die Sonne darin hinderte durch die Fenster des Lebens zu dringen.
D-Die Information war wert - wertlos, bitte”, sagte Rankenstein und Trauer und Verzweiflung floss wie Wasser in einen Ballon, der zu platzen drohte.
Sie wird den Stein nicht finden. Er ist be-beschützt.”
Sie ist in der hohen Kunst bewandert, Rankenstein”, sagte Morpheus. “Und sie wissen, was das bedeutet.”
Der Wille zu leben blutete aus ihm heraus und wurde durch den Traum von einer Insel abgelöst. Dort blühten Kirschbäume und Marie saß auf einer Bank und las den Kindern eine Geschichte vor.
B-Bitte … ich helfe ihnen … ich …”, sagte er und die Schwäche ließ ihn kopfüber in seinen Teller kippen. Suppe schwappte auf die Tischdecke und hinterließ tränkte den rosa Stoff mit Brühe. Der Unbekannte nahm noch einen Löffel von der Suppe.
Der Tod holt uns alle ein. Selbst diejenigen, die die den Tod betrogen. Irgendwann. Das ist das Gleichgewicht der Kräfte, das dieser Welt zugrunde liegt”, sagte er und wischte sich die Finger mit einer Serviette ab. “Sehen sie es als eine beglichene Rechnung.”

Neben einem ordentlichen Trinkgeld hinterließ Morpheus nur den Zettel. Eine Mohnblume mit schwarzen Flügeln.

[...]

Das volle Dokument findet ihr hier zum Download, da mich Google keine PDF's hochladen lässt und ich euch keine 27 Seiten am Screen zumuten möchte. 

Falls jemand eine elegantere Lösung kennt, lasst es mich wissen. Ladet es euch herunter, druckt es euch aus und lasst mich wissen, ob es euch gefällt ;)

@LeO
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