Donnerstag, 20. November 2014

Kritik: Blau ist eine warme Farbe (La vie d'Adéle - chapitres 1&2)




Erotik war immer ein schwieriges Thema im Film und wird bei aufkommenden Diskussionen zu unrecht häufig in den Vordergrund gestellt. Einen Film wie diesen hätte man wohl nie in Deutschland drehen können, dazu braucht es einen laizistischen Staat wie Frankreich.
Auch wenn "Blau ist eine warme Farbe" dort nicht unumstritten blieb, wohl gemerkt weil die Arbeitsbedingungen am Set katastrophal gewesen seien und nicht wegen dem offenen Umgang mit nackten Körpern. Im Zentrum der Kritik stand der perfektionistische Regisseur, der auch mal 100 Takes von derselben nahm und den Schauspielern alles abverlangte. Später sprachen die Hauptdarstellerinnen jedoch davon stolz auf ihre Leistung und den Film zu sein. Die Auseinandersetzung zwischen Schauspielern und Regisseur endete letztlich damit, dass alle drei separat die "goldene Palme" in Cannes erhielten - und das zurecht.

Bevor man diesen Film unvoreingenommen betrachten kann, muss man sich etwas klar machen. Ich bin ein starker Verfechter davon Pornografie und Erotik als Begriffe zu trennen. Die Darstellung von Sex oder der Schönheit eines hüllenlosen Körpers ohne vulgäre Darstellung von Geschlechtsorganen ist für mich erotisch und kann Kunst (MIT und FÜR Erwachsene natürlich) sein. Darunter zählen für mich Filme und Serien wie "Game of Thrones", "True Blood" oder eben "Blaue ist eine warme Farbe" ebenso wie erotische Malerei, Fotografie oder Literatur, welche es in dieser Hinsicht leichter haben als das gedrehte Bild. Denn wenn man einmal ehrlich ist, kann man über die exzessive Gewaltdarstellung in Splatterfilmen mehr Gründe zur Abneigung finden als gegenüber der intensiven Darstellung von Liebe und Zuneigung. Allerdings habe ich auch mit der Darstellung von Gewalt kein Problem, solange es sich auf die künstlerische Ebene beschränkt und nicht mit gefährlichen Ideologien verbunden ist.

Es ist nicht fair diesen Film auf seine Sexszenen zu reduzieren. Die erzählte Geschichte um die beiden jungen Frauen Adele und Emma wird nun mal glaubhaft und emotional dargestellt. Die Tiefe der Erzählung durch die Kraft der Bilder getragen. Die Farbe Blau ist allgegenwärtig, auf Tricks wurde verzichtet und die Performance von Léa Seydoux und Adéle Exarchopoulos ist überwältigend. Der Zuschauer fühlt sowohl die Wärme zwischen den beiden Frauen, als sie sich in einander verlieben, als auch den Zorn und die Trauer beider Charaktere als die Beziehung schließlich in die Brüche geht. Auch wenn sich der Film durchaus mit der Akzeptanz von Homosexualität und den Spannungen, die sich für Adéle daraus ergeben auseinandersetzt, handelt es sich um eine "universelle Liebesgeschichte" - wie der Regisseur auch betonte -, die keinen Fokus auf eine politische Agenda setzt.

Ich bin kein Freund von Liebesgeschichten im traditionellen Sinne. Gerade dass dieser Film auf Kitsch und schnulzige Romantik verzichtet und sie durch Realitätsnähe ersetzt macht ihn so stark. Auch wenn es berechtigte Kritik am Regisseur gab, kann man den Film durchaus als Meisterwerk betrachten.

@LeO


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