Sonntag, 11. Mai 2014

Im Schatten des Königs [Vol. 6]

Die Zitadelle war ein enormes Gebäude, höher als die meisten Dächer. Nur der Palast der Triades mit seinen fünf Türmen am Horizont schien der Akademie ebenbürtig. Ihren geläufigen Namen verdankte die Magierschule dem blauem Marmor, der die gesamte Zitadelle und die Mauer verkleidete. Die Farben von Lapis-Lazuli und dem türkisen Wasser eines sommerlichen Sees. Die Wolken glühten rot und verkündeten bereits das Hereinbrechen der Nacht. Verglaste Fenster blickten in die Ferne, als würden sie etwas von der untergehenden Sonne erwarteten.
Mir fröstelte und ich hätte nicht sagen können, ob es das Gefühl war vor diesem Gebäude zu stehen oder die Ungewissheit der Mission, die mich hergeführt hatte. Mein stummer Freund, von jeher eher mit einem besonnenen Herzen ausgestattet, hatte nichts übrig für Omen, Schönheit oder Magie. Die Welt war für ihn ein Ort der Taten. Gut und Böse oder beides. Nicht lange nachdem er den Klopfer in der Form eines bronzenen Drachen berührt hatte, knirschten Scharniere und das mit Eisen beschlagene Tor öffnete sich in das Sanktum der Geheimnisse.
Ein Mann hörte allerlei Geschichten über diesen Ort - wohl auch davon angestachelt, dass sich diese Tore fast nie öffneten. Gerüchte sprechen von Bestien aus Wind und Feuer, die in magischen Gefängnissen gehalten wurden, über Drachen, die sprechen konnten wie die großen alten Feuerschlangen von einst, über Wachen aus Stein und Eisen, die sich ohne Leben und Blut in den Adern bewegen konnten und über Flüstereien, die jeden in den Wahnsinn trieben der ihnen zuviel Aufmerksamkeit schenkte.
Zu unserer Rechten erstreckte sich ein gepflasterter Platz umrandet mit steinernen Männern in Rüstungen, die Kratzspuren von Schwertern und geschwärzte Flecken aufwiesen. Sie standen unbewegt im schwindenden Sonnenlicht und warfen lange Schatten an die Wände der Zitadelle und einen überdachten Säulengang. Zu unserer Linken erstreckte sich entlang der Umrandungsmauern eine weiter Grünfläche mit vereinzelten Obstbäumen, die  in voller Blüte standen. Ein Kanal verströmte einen leicht faulenden Geruch. Die Brücke darüber führte zu den Barracken derjenigen, die waghalsig genug waren Magie zu studieren.
Zum Eingang in die schimmernde Fassade der blauen Zitadelle führten ausladende Treppenstufen, die mit einem kunstvoll gestalteten Bronzegeländer umfasst waren. Das Metall zog sich in Ranken um ein Seil und aus den Stützstangen waren Weinblätter modelliert.
Wir wurden von zwei Männern empfangen. Der Eine war groß mit kahlem Schädel und dichtem schwarzen Bart. Seine Hände versteckte er in den ausladenden Ärmeln seiner schwarzen Seidenrobe. Der Andere trug eine schlichtere Gardrobe und ein bekanntes Gesicht. Sein Kinn war mit braunen Stoppeln bedeckt, die Augen klar und blau wie die der Triades und die Haare widerspenstig und braun - in den Farben von Haus Vallastan.
"Willkommen in der blauen Akademie, meine Herren", sprach der kahle Magier. "Mein Name ist Elias Plato, Erster des blauen Rates und das hier ist Walden Triades..."
"Der König der Trickster", vervollständigte ich den Satz.
Der junge Mann lachte. "Mein Ruf eilt mir voraus."
"Verzeiht, das war unhöflich. Doch ich habe am Hof vieles über euch gehört", sagte ich erleichtert, dass der Königssohn es mit dem leichten Humor nahm für den er bekannt war.
"Der Sohn, der sich in sein Schicksal fügte. Das Königreich geht an meinen älteren Bruder Tyrio und deswegen habe ich den Weg der Magie gewählt." Walden Triades grinste und zuckte mit den Schultern. "Wie geht es Vater und meinem kleinen Bruder Andal?"
Es war allgemein bekannt, dass Walden Triades wenig für den Thronerben Tyrio übrig hatte. Am Hof hieß es, die Brüder seien so verschieden wie Tag und Nacht.
"Prächtig, doch ihre Majestität ist besorgt über die Vorkommnisse der letzten Tage."
Elias Plato nickte. "Dann sollten wir wohl besser hereingehen. Nach Ihnen."

@LeO

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