Freitag, 2. Mai 2014

Im Schatten des Königs [Vol. 5]


Die Futtergehege, wie Tyria Brynnerscal es nannte, befanden sich außerhalb der Stadt, die wir durch das Lagertor der Drachenställe verließen. Vor uns erstreckte sich eine weite Grasfläche, die im Wind wogte wie Wellen in einem grünes Meer. Am Horizont konnte man den Grenzwald als dunkle Linie hinter versprenkelten Gehöften ausmachen. Die Sonne stand hoch am Himmel und wärmte unsere Schultern.
Tyria genoss es sichtlich über ihre Drachen zu reden und offenbar war sie dankbar endlich ein Opfer dafür gefunden zu haben. Ich nahm ihre Fragen höflich auf und stellte Gegenfragen. Ihr schwarzer Handschuh wedelte ständige durch die Luft - formte Köpfe, Kiefer und Sattel - während sie erklärte wie man einem Drachen Zaumzeug anlegte. Der Wind spielte mit den schwarzen Strähnen ihres Haares. Zunächst hörte ich gespannt zu, doch dann schweiften meine Gedanken ab und ich schloss mich meinem Zwergenfreund an, der die Kunst des stummen Nickens an der richtigen Stelle perfekt beherrschte. Als wir an den Weidezäunen ankamen ließ eine Krähe ihren unverkennbaren Ruf erklingen, gefolgt vom Flattern schwarzer Flügel.
Das Holz des Zauns wies keine Verwitterungsspuren auf. Einige Schafe, kurz geschoren, standen in einigem Abstand, ihre Kiefer mahlten und sie betrachteten uns aus dumpfen Augen. Eine Wache in Kettenhemd und gehärtetem Leder begutachtete sie misstrauisch. Seine Hand ruhte locker und doch wachsam auf dem Griff seines Schwertes.
Tyria nahm einen tiefen Atemzug. "Sie kamen in der Nacht und haben mindestens zwölf Tiere gestohlen. Seitdem lassen wir die Weide rund um die Uhr bewachen. Ein satter Drache ist ein ruhiger Drache. Ein hungriger ..."
Sie ließ den Satz in einer Handbewegung ausschweifen und lehnte sich an das Geländer. "Vorher haben wir sie von Jungen bewachen lassen für ein paar Kupfermünzen. Sie sollten eher darauf aufpassen, das kein Tier entwischt und Schäden im Zaun oder Eindringlinge melden. Niemand rechnet damit, dass Schafe gestohlen werden. Auch wenn wir alle ihr Fleisch essen und ihre Wolle tragen. Kurios, nicht wahr?"
Der Zwerg trat an ihre Seite, das bleiche Gesicht verdunkelte sich in ihrem Schatten. Er reichte ihr nur bis zur Taille. "Und der Junge, der die Schafe in dieser Nacht bewachte sah etwas?"
Tyria nickte. Ihre bronzene, glatte Haut bildete einen starken Kontrast zu fahlen, faltigen Haut des Zwergs.
"Nicht das, was er erwartete nehme ich an?", fügte ich hinzu.
Als Antwort klopfte Tyria auf das Holz. "Der Zaun hier war zertrümmert und ich meine nicht umgestoßen, zersplittert als wäre ein tollwütiger Bär durchgebrochen. Der Junge schwört auf seine Mutter und die zwölf Götter, dass er einen Wolf von der Größe einer Kuh gesehen habe. Mit riesigen Reißzähnen und durchdringenden gelben Augen. Ich hätte ihm nicht geglaubt und ihn der Stadtwache übergeben."
"Aber?"
"Man hat den Leichnam des zweiten Hirtenjungen gefunden. Kein schöner Anblick. Sein Gesicht war kaum noch zu erkennen. Man hat ihn begraben."
Ein wildes Tier konnte vielleicht einen Hirtenjungen zerfleischen und einen Zaun zertrümmern, aber er konnte keinen toten Magiern Widderkö
pfe anstatt ihrer eigenen ins Grab legen. Das war etwas über das man nachdenken konnte. Weißborke und ich wechselten einen Blick und erkannte, dass er zum selben Schluss gekommen war wie ich. Es blieb nur die Möglichkeit den Ort aufzusuchen an dem Illusion und Wirklichkeit ineinander übergingen: Die blaue Zitadelle.

@LeO

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