Freitag, 25. April 2014

Im Schatten des Königs [Vol. 4]


[...] Die Drachenställe erinnerten mehr an eine Festung als an Gehege für Tiere, was angesichts der Exotik ihrer Bewohner keine Fragen nach Verhältnismäßigkeit und Logik zu stellen brauchte. Tyria führte uns durch einen breiten und kargen Innenhof und erklärte, dass sie die größten Kreaturen in steinernen Gruben zu unserer Rechten hielten. Die Gebäude waren nicht überdacht, mit Stein überhöht und von Pflegern und Reitern nur über Leitern von Oben erreichbar. Die Mauerkronen standen vor und boten einen notdürftigen Schutz gegen den Zorn eines Drachen wie Zinnen einen Bogenschützen vor Pfeilen bewahrten. So würde vermieden, dass Bedienstete in einen Flammenatem der Echsen hineinstolperten. Die Feuerschlangen würden mit Schafsfleisch gefüttert, denn mit vollem Magen wäre jedes Monster ein Schoßtier.
Ein urtümlicher Schrei hallte durch das Steingemäuer und mir sträubten sich die Nackenhaare. Der gesamte Innenhof roch nach Asche, Schwefel und Tierdung. Männer trugen Holzbalken, Ledersattel und Eisenteile in die Lager gegenüber der Gehege. Die steinernen Ställe reihten sich wie Zellen in einem Gefängnis in fensterloser Tristesse aneinander. Wie jeder in Karanthos hatte ich unzählige Geschichten über die Drachen der alten Zeit gehört und fragte, ob ich einen Blick riskieren dürfte. Feuerspeiende, echsenartige Wesen geboren aus den Elementen der Natur, von ihnen geformt und gehärtet.
Der Kopf einer Echse  mit zischenden Nüstern und geschlitzten Augen, die so unterschiedlich gefärbt waren wie ihr glänzender Schuppenkörper. Manche trugen Büschel aus Federn an ihren Köpfen, die sie wie missratene Vettern der Vögel wirken ließen. Ihre Mäuler waren jedoch keine Schnäbel sondern mit dolchartigen Zähnen besetzt. Lederne Schwingen flatterten vergebens gegen die eisernen Ringe an, welche die Kreaturen zwangen am Boden zu bleiben. Klauen schabten über Stein, der vom Ruß schwarz verbrannt war und ohne Fugen schien. Ein Exemplar mit grünen Schuppen und einem Kamm aus Federn gab einen zischenden Laut von sich. Dampf stieg aus seinen Nüstern, gefolgt von einem grellen Feuerball aus seinem Maul. Funken stoben auf, als das Feuer wie das Schwert eines Kriegers durch die Luft schnitt. Ich konnte die Hitze spüren, obwohl ich mindestens ein dutzend Meter entfernt auf einer Mauer stand.
"Herrlich, nicht wahr?", sagte Tyria Brynnerscal. Die Drachenlady nannte man sie. Am Hof hieß es, dass sie jede Nacht mit einem anderen Drachen das Bett teilte und selber Eier legte. Weder ich noch Weißborke, der noch bleicher und noch stummer als sonst zu sein schien, schenkten diesem Blödsinn Glauben, doch die Gerüchte waren weit verbreitet. Tyria Brynnerscal hatte sich in Karanthos einen Ruf aufgebaut- teils auf Respekt, teils Verachtung. Vermutlich steckte der gekränkte Stolz einiger der zahlreichen abgewiesenen Verehrer hinter diesen skurrilen Geschichten.
"Beeindruckend", antwortete ich. Mein Herz klopfte, als wollte es aus seinem Brustkorb springen. Das waren also Drachen. Die Feststellung wurde von der Frage begleitet, was die Stadtwache wohl tun konnte, wenn eine dieser Bestien ausbrach.
"Wollen sie jetzt immer noch zu ihren Schafen, Herr Connerwell, oder hat sie Dyana in ihren Bann geschlagen?"
Ich runzelte die Stirn. Der große Grüne gab einen weiteren Schrei von sich. "Dyana?", fragte ich perplex.
Tyria Brynnerscal zuckte mit den Schultern. "Die Schwester meiner Großmutter. Es heißt, sie habe abgelehnt auf einer der gezähmten Feuerschlangen von Drachenwall zu reiten. Sie meinte, dass eine wahre Brynnerscal ihren Drachen selber suche und fange wie es unser Urahn Cisto der Drachenzähmer getan hat."
"War sie erfolgreich?", fragte Weißborke. Es war der erste Satz des Zwergs seit sie die Leiter zur Steinmauer erklommen hatten. Tyrias Augen ruhten auf dem grünen Drachen Dyana, doch waren sie verloren - in der Ferne oder in einer Erinnerung. Sie fuhr sich mit den behandschuhten Fingern über die hellen Narben, die den einzigen Makel auf ihrem hübschen, langen Gesicht darstellten.
"Ich weiß es nicht. Sie ist nie aus diesem Wald zurückgekehrt. Eine Version der Geschichte sagt, dass sie sich mit der Hilfe eines Zaubertranks in einen Drachen verwandelt habe und nun in einer Höhle im Gebirge des Westwalls lebt. Eine Andere, dass sie auf ihrem Weg überfallen, ausgeraubt und ermordet wurde."
Verrückte Welt. Unsere Leben stellen nur ein Blinzeln in der Welt dar. Doch sind es die Geschichten von unserem Scheitern und unseren Siegen, die bleiben und uns unsterblich machen.[...]

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