Mittwoch, 23. April 2014

Im Schatten des Königs [Vol. 3]


[..] Der Himmel war wie gemalt. Wolken formten bizarre Bilder auf blauen Untergrund. Es war als würde ich aus einen langen, toten Schlaf erwachen. Traumlos und ermüdend, nicht belebend. Tauben begleiteten uns auf dem Weg zu den Drachenställen. Schon von weitem konnte man ihre Präsenz riechen. Ein Geruch nach schwelendem Holz und urtümliche Schreie, die im kühlen Morgen verhallten. Sie ließen mich trotz der vereinzelt wärmenden Sonnenstrahlen frösteln. Die Schafskadaver trugen das Siegel eines Händlers, der die Tiere an die Drachengehege verkauft hatte.
Es war Tyria Brynnerscal, die mich und Weißborke am Tor zur Barracke empfing. Ihre bronzefarbene Haut und das schwarze, schulterlange Haar standen im Kontrast zu den hellen Narben, die sich über die rechte Hälfte ihres hübschen Gesichts zogen. Haus Brynnerscal war seit jeher dafür bekannt gewesen, Drachen zu zähmen und zu reiten. Feuerschlangen waren auf dem Schlachtfeld gefürchtet. Alte Kreaturen, die schon den Helden der alten Zeit Respekt eingeflößt hatten. Tyrias Vater hatte das gewusst, aber es hatte ihm schließlich auch nicht helfen können. Eine Fehde, die durch eine leichtfertig geschlossene Ehe unter Triades und Callenhall, entfacht worden war. Gegen die Magie der blauen Akademie waren auch Drachen nicht gefeit und Brynnerscal verlor mit den restlichen Häusern auf dem Feld der Drachenkönige vor der Burg Callengard. Welch Ironie.
Tyria Brynnerscal trug eine leichte Lederrüstung. Ihr rechter Arm steckte bis zum Ellbogen in einem schwarzen Handschuh, der mit goldenen Fäden verschnürt war.  Jeder in Karanthos wusste, dass unter dem vernarbten und doch hübschen Gesicht der Adelstochter ein wildes Herz schlummerte.
Sie lächelte. "Der Handschuh verdeckt die Narben, die mir ein Jungdrache auf der Burg meines Vaters zugefügt hatte. Ein widerspenstiges Biest." Sie deutete auf die drei pfeilartigen hellen Narben in ihrem Gesicht. "Die habe ich seinen Klauen zu verdanken."
"So entzückend eure Drachen auch sein mögen. Wir sind hier wegen der Schafe."
Tyria nickte. "Uns wurden mehrere Tiere gestohlen. Seltsam, denn die meisten Menschen trauen sich nicht einmal in die Nähe der Ställe. Ihre Köpfe sind mit Geschichten über die schrecklichen Bestien der alten Zeit gefüllt." Sie schüttelte den Kopf.
"Es leben nicht nur Menschen in Karanthos", gab der Zwerg zu bedenken. Sein faltiges, bleiches Gesicht lag in Schatten.
"Kommt, ich zeige es euch", sagte die Brynnerscal lächelnd.
[...]

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