Sonntag, 23. Februar 2014

Ein Interview mit einer blinden Elfe ...

Auszug aus: Der geflügelte Löwe – Ausgabe 13, 6. Woche der Sommerzeit des Jahres 2577 neuer Zeitrechnung


Gestern hatte unser berühmter Kolumnist und Buchstabenmagier Ned Westermann die einmalige Gelegenheit die Erste aus dem Flügel der Kampfmagier. Ashara Golanian. Respektvoll versorgte sie uns mit Antworten und voller Ehrfurcht stellten wir unsere Fragen. Gebannt lauschten wir der Elfin, die man aus der Heimat verbannte und die von den Toren unserer freien Stadt aufgenommen wurde! Blicken sie mit uns hinter die Kulissen der blauen Zitadelle, deren Tore ansonsten für den normalen Bürger von Karanthos geschlossen bleiben. Ein ganz und gar nicht blindes Gespräch.

Ned Westermann: Für unsere Leser sind sie eine der interessantesten Persönlichkeiten, Ashara.

Ashara Golanian(lachend): Weil ich eine schwarze Augenbinde trage oder weil ab und zu in der Arena kämpfe?

N.W.: Sie verbindet eine bewegende Geschichte mit unserer wunderschönen Stadt. Zudem sind sie eine der wenigen Magier unserer Akademie, die sich hinter ihren mit blauem Marmor verkleideten Mauern hervorwagen. Hat sie Kanzler Philledias nicht persönlich empfangen, als sie Hilfe am meisten brauchten?

A. G.: Er hat mich und meinen Bruder Varyn nach unserer langen Reise von der Wache zum Golf von Bresan am Tor von Karanthos empfangen. Mit der Garde der Stadtwache, ihren Blechhelmen und Hellebarden. Wir hätten auch nach Sonnenfall gehen können, aber uns war das Meer lieber.

N.W.: Es heißt die Elfen von Sonnenfall sind schlimmere Krämer als die Zwerge.

A. G..: Ich merke sie haben wenig von der Welt gesehen. Valonir Rell, momentaner Vorsitzender des Rates von Sonnenfall ist ein guter und treuer Freund der Familie. Sein Urgroßvater Valarion wurde vor 300 Jahren mit der Schwester meines Vorfahren Galvanu Lirame vermählt. Das band das Haus der Rells und die Westelfen an das Reich der Nordelfen. Ich als letzte Golanian neben meinem Bruder Varyn und meine Schwester Inastasza werden dort immer willkommen sein.

N.W.: Trotzdem sollte man dort nie Seide kaufen, hat mir mein Onkel der Kaufmann einmal erzählt. Glauben sie nicht, er würde sie nach ihrer Verbannung nicht festsetzen und an Alasztan Fanyen ausliefern?

A. G. (lacht): Die Rells haben für Fanyen genauso wenig übrig wie die Golanian. Fanyen mag ein altehrwürdiger Name sein. Doch ihre Hochkönige waren machtgierige Intriganten und Feiglinge. Sie töteten ihre Feinde mit Gift anstatt sie im Feld zu stellen. Sie haben nie eine Dynastie aufbauen und halten können. Alasztan macht da keinen Unterschied.

N.W.: Es heißt Ishar Isztil ist die höchste Strafe der Götter …

A. G..: Ishar Isztil heißt Blendung oder Diebstahl des Augenlichts auf Elfisch. Die Geblendeten Ishari sind in unserer Gesellschaft Ausgestoßene, nicht einmal Bedienstete dürfen sie berühren. Sie müssen wissen, jeder Makel an der Gestalt des eigenen Körpers gilt als Strafe der Götter. Deswegen trainieren unserer Krieger hart. Sie töten ohne getroffen zu werden, weil jede Narbe auf der Haut ein Schandmal darstellt. Mein Volk verehrt die Schönheit der Natur und unserer Kultur. Wir sind sehr stolze Wesen. Wenn man einem Elfen die Augen ausbrennt deformiert man seinen Körper und nimmt ihm die Möglichkeit die Schönheit seiner Umgebung wahrzunehmen und zu genießen. Es ist eine grausame Strafe und den schlimmsten Verbrechern vorbehalten.

N.W.: Ist es zu persönlich zu fragen, warum sie zu diesem schrecklichen Schicksal verurteilt wurden?

A. G.(Schweigt lange): Ja, es tut mir Leid. Ich habe vor langer Zeit eine falsche Entscheidung getroffen und wurde dementsprechend bestraft.

N.W.: Dann wechseln wir das Thema! Es heißt ihre Schwester ist ins Exil gegangen, als sie verurteilt wurden und ihr Bruder ist bei ihnen geblieben?

A. G..: Inastasza ist eine begabte Magierin und konnte die Wege unseres Volkes nie verstehen. Strafen wie Ishar Isztil und die Arroganz unserer Gelehrten widerten sie an. Sie kehrte der Stadt Liasadril lange vor uns den Rücken. Ich habe sie ewig nicht gesehen, aber ein Kaufmann, den wir auf unserer Flucht trafen, erzählte mir, dass sie sich wohl eine Festung im Glarbrand-Gebirge errichtete. Allein. Mit ihrem Talent hätte sie es weit bringen können, doch sie zog die Einsamkeit dem Ruhm vor. Mein Bruder Varyn dient in der Stadtwache von Karanthos und bildet Rekruten aus. Wie ich hörte mit Erfolg.

N.W.: Das ist ja nicht allzu weit entfernt! Jetzt lassen sie uns über die blaue Zitadelle reden. Wie kam es dazu, dass sie als Geblendete in die Gilde der Kampfmagier fanden?

A. G.: Ich stellte relativ schnell fest, dass ich nicht vollkommen meiner Sinne beraubt war. Trotz der Schmerzen, die das verbrannte Fleisch mit sich brachte, konnte ich die Welt dennoch wahrnehmen. Ich glaube, dass ich die Energie, die alle Gegenstände und Lebewesen umgibt und die Magier zu manipulieren lernen, sehen konnte und mir das erst bewusst wurde, nachdem ich meine Augen verloren hatte. Ich hatte nie das Talent von Inastasza oder die körperliche Kraft meines Bruders, aber dieser zwielichtige Schleier aus blauer Energie, der sich durch die Schwärze meiner Welt zieht wie Adern durch die Haut, ermöglicht mir Gegenstände und Personen zu spüren. 
Diese Affinität bewahrte mich vor dem Leben eines Krüppels. Ich war meinem Bruder zwar in Stärke unterlegen, dafür jedoch deutlich schneller. Karanthos und Kanzler Philledias hatten bald nach der Begrüßungszeremonie das Interesse an uns verloren und wir waren auf uns allein gestellt. Wir versuchten uns als Gladiatoren, weil niemand zwei Elfen in einer normalen Berufung eingestellt hätte, und eines Tages sahen wir uns einer Überzahl an Trollen und Kobolden gegenüber, die die Wildhüter wohl unter beträchtlichem Aufwand eingefangen hatten. Mein Bruder wurde recht schnell an die Wand gedrängt und musste aufgeben. Ein paar Helfer unseres Sponsoren zogen ihn die Zuschauertribüne herauf. Doch ich blieb im Sand der Arena stehen mit der Aufmerksamkeit aller Waldkreaturen auf mich gerichtet. Ich parierte Schlag und Schlag, wich aus, nahm Hände und Finger und schlitzte Bäuche auf bis der Sand zu meinen Fußen mit Blut getränkt war und ich schwitzend und triumphierend zu der Kanzlertribüne aufsah, wo die Gesichter der reichen Eliten in blauen Gittern schimmerten. Seitdem trage ich den Namen Krähe, weil ich mit den Füßen im Blut stand ohne das mich eine Kreatur berührt hatte. Als wäre ich dort hingekommen, um zu fressen. Als wäre der wahre Champion irgendwo unter den Körpern und den Strömen aus Blut begraben. Zumindest erzählte man mir diese Geschichte später.

N.W.: Und wie kam es dazu, dass man sie schließlich in die blaue Zitadelle aufnahm?

A. G.: Eines Tages klopfte ein Botenjunge, der kaum älter als 15 Menschenjahre sein konnte, an unsere Tür. Man verlange nach der Krähe in der blauen Zitadelle. Ich war gerade dabei Varyns Wunden zu verbinden. Das Angebot kam überraschend, unter den Zuschauern mussten wohl ein paar hochrangige Magier gewesen sein. Vielleicht der gesamte Rat. Varyn nickte nur und sah dann aus dem Fenster. Ich bat den Jungen, nochmal zu wiederholen, was er gerade gesagt hatte. Doch die Worte hatten sich nicht verändert und ich folgte ihm durch die verwinkelten Gassen bis vor die Mauern aus blauem Marmor. In den Gärten legte ich dann die Prüfung ab, wurde zum Adepten und schließlich zum Meister. Seit diesem Tag habe ich nur noch selten die Möglichkeit meinen Bruder zu besuchen.

N.W.: Trotzdem lassen sie es sich nicht nehmen, ab und an als Gladiator aufzutreten. Konnten sie das ohne Probleme durchsetzen? Ich meine viele Menschen sind der Meinung, dass eine Frau eher dazu da ist, verheiratet zu werden, zu sticken und zu kochen.

A. G.: Vielleicht ist das ihre Meinung. Doch sowohl das Volk der Elfen als auch die Akademie der Magier macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Wir lernen zu kämpfen und uns selbst zu versorgen.

N.W.: Nicht zu vergessen, dass die Selbstversorgung mit Magie deutlich einfacher wird.

A. G.: Haben sie schon einmal Meerwasser getrunken? Nahrung, die durch Magie erzeugt wird hat keinen Gehalt für den Körper. Im Gegenteil, sie werden es im ersten Zug genießen, weil es schmeckt wie ein richtiges Mahl, doch eine Stunde später werden sie es erbrechen. Glauben sie mir, sie tun sich keinen Gefallen, wenn sie Magie zum Kochen benutzen.

N.W.: Nun ich kann mich auch nur auf Gerüchte der Straße stützen, schließlich sind die Tore der blauen Zitadelle für uns normal Sterbliche verschlossen. Außer man ist sehr talentiert und wird angenommen.

A. G.: Sie spielen auf die Schmiedstochter an?

N.W.: Für die Adelsfamilien war es eine ziemliche Überraschung und auch ein ziemlicher Schock, dass es der Tochter eines Schmieds gewährt wurde die Prüfung zu vollziehen. Ich meine sie stammten immerhin aus einer Königsfamilie. Zwar verbannt, aber doch von blauem Blut. Wie lange ist es her? 10 Jahre?

A. G.: 10 Jahre, ja. Ich wurde selbst Zeug der unglaublichen Fähigkeiten des Mädchens. Ob es dem Adel passt oder nicht, die Götter hatten Salya Callahan mit einem überwältigenden magischen Talent ausgestattet. Natürlich gab es Vertreter in den hohen Rängen, die protestieren. Doch letztendlich beugten sich alle der Entscheidung des Rates. Was spielt es denn für eine Rolle ob sie die Tochter eines Schmieds oder eines Beamten ist, wenn sie mit 9 bereits in der Lage war, Feuer zu kontrollieren.

N.W.: Nun, viele fürchten um die Exklusivität der Akademie, wenn es plötzlich jedem erlaubt wäre, Magie zu studieren. Calyndis Ashburn! Ich danke ihnen, dass sie sich Zeit für unsere Leser genommen haben.

A. G.: Ich danke ihnen.

Die Meisterin der magischen Kampfkunst wirkte gelassen und freundlich auf uns. Ihre hohe Figur mit der samten grauen Haut und dem silbernen Haare bezauberte unseren eigenen Buchstabenmagier Ned Westermann. Nächstes Wochenthema: Warum man keine Trolle jagt und sein Feld gegen Gnome umzäunt. Als Beitrag u.a. ein Gespräch mit dem geschätzten Jäger Herners Emingwar.

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