Montag, 20. Mai 2013

Tales of the Monkeywarrior Vol. I


Der Affenkrieger


Es war Mittag und die Sonne stand hoch über dem lichten Wäldchen. Logan musterte seinen Weggefährten, die verschrammte Lederrüstung mit den Metallaufsätzen und den langen Eisenstab, der an seiner Schulter lehnte. Die Straße war dem Schreiber aus der Stadt nicht geheuer. Wenn ein paar halb versunkene Pflastersteine die Bezeichnung Straße überhaupt gelten ließen. Es war ein aufgegebener Trampelpfad, den die Zivilisation verlassen und die Wildnis zurückerobert hatte.
Der Affenkrieger schnaubte und klopfte mit dem Eisenstab auf einen der Steine, als vermute er darunter einen Hohlraum. Über ihnen rauschte der Wind durch die Baumkronen.
„Was machen wir hier, Dasan?“, fragte Logan. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und dachte darüber nach wie es wäre in einer Taverne zu sitzen und nicht mit einem intelligenten Affen durch den Wald zu wandern. Dasan schien kein Wesen der großen Worte zu sein. Er kratzte sich am Kopf und schnaubte abermals.
Es war eine Schnapsidee gewesen mitzukommen und vielleicht war es auch eine Schnapsidee wieder zu gehen. Kennengelernt hatte Logan den Affenkrieger am Abend zuvor bei einem Bier. Die Geschichten, die der Affe zu erzählen hatte waren interessant und warteten noch ein paar Goldmünzen im Beutel darauf den Besitzer zu wechseln. Warum war er also hier? Eine Frage, die jeder Minenarbeiter beantworten konnte – auch der dümmste Troll. Geld war Geld.
Und Kater war Kater. Logan konnte sich nicht erinnern, wann seine Nacht geendet und dieser Tag begonnen hatte. Der Affenkrieger setzte sich in Bewegung und er folgte. Was eigentlich seine Aufgabe war, wusste er nicht. Insekten umschwirrten die ungewöhnlichen Reisegefährten, als sie eine Lichtung betraten. Eine verwitterte Ruine. Die Reste der Mauern zeugten von einem ehemals imposanten Gebäudekomplex. Es schien als hätte die Zeit sich ihrer schon vor langer Zeit angenommen. Farbe abgenagt und Steine zerbröckelt. Mauern von Efeu umrankt, die Marmorböden unter Laub verschwunden.
Ein glänzender Fleck ließ Logan blinzeln.  Auf den zweiten Blick offenbarte sich ihm die Statue eines lächelnden Mannes, der nun eine Krone aus Efeuranken trug und dessen Haut korrodiert war. In seiner rechten Hand hielt er einen Blumenstrauß. Rosen.
„Kannst du das lesen, Schreiber?“, fragte Dasan und deutete mit dem Stab auf die Inschrift, die sich zu Füßen des lächelnden Mannes befand. Natürlich konnte er die alte Schrift lesen. Wenn darin seine Aufgabe bestand, war sie leicht verdientes Geld. Mit dem Finger fuhr er über die eingravierten Zeilen, während Dasan in seinem Umhängebeutel kramte und sich mit der anderen Hand stilvoll am Hintern kratzte.
„Rosen ...“, murmelte Lokan.
„Haha!“, sagte Dasan.
„Suchen wir also Rosen? Was ist an Blumen so interessant? Hier steht, dass diese Statue zu Ehren eines Rosenverkäufers errichtet wurde, der dieses Einkaufszentrum finanzierte.“
„Ein Apfel, ein Apfel! Ich dachte, ich hätte den letzten gestern gegessen!“
„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Logan.
„Was …? Wie? Gibt es einen Hinweis auf das, was wir suchen?“, fragte der Affenkrieger.
„Wenn ich wüsste, was wir suchen, könnte ich dir das sagen“, erwiderte Logan.
Dasan biss in den Apfel und in der Ferne war das Krächzen eines Raben zu hören. Er zog eine Grimasse, als er angestrengt versuchte sich zu erinnern.
„Sagte ich das nicht?“, fragte er.
„Nein“, antwortete Logan.
„Diese alte Hexe im Dorf hat irgendetwas von einer Höhle jenseits der Berge geredet.“
„Ist dir schonmal in den Sinn gekommen, dass sie dir erzählt hat, was du hören wolltest, damit du ihr die zwei Goldmünzen gibst, die du ihr vor die Nase gehalten hast?“, sagte Logan.
Dasan zuckte mit den Achseln. „Sie hat in Trance geredet und das Zimmer hat nach Weihrauch gestunken.“
„Und das macht eine Lüge zur Weissagung?“
„Vielleicht“, murmelte Dasan und sein Schwanz mit der weißen Spitze wedelte in der Luft wie bei einem Hund in Aufregung.
„Also was suchen wir?“, fragte Logan. Er lehnte sich an die Wand, die einen halbwegs stabilen Eindruck vermittelte und versuchte dabei die hervorstehenden Stahlstreben zu meiden. Eine Spinne huschte durch sein Blickfeld über das verrostete und verbogene Metall.
„Einen Drachen.“
„Einen Drachen?“
Also bei allen möglichen Antworten, damit hatte er nicht gerechnet. Logan setzte zu einer spitzen Bemerkung über vertragliche Zusammenarbeit an, als der Boden anfing zu vibrieren und in der Ferne das trommelnde Geräusch von Pferdehufen zu hören war.
Dasan war verschwunden und er stand alleine und perplex auf der Lichtung. Dann fand Logan den Affenkrieger hinter dem Rest eines Fensterrahmens geduckt. Auf seinen Lippen glaubte er die Worte lesen zu können: „Stell dich tot.“
In der Hand hielt Dasan einen großen Stein, der auf Distanz schwer und scharfkantig wirkte. Logan runzelte die Stirn. Im nächsten Augenblick verlor er das Bewusstsein. Der Stein traf ihn an der Schläfe und er sackte vor den Füßen des Rosenverkäufers zusammen. Eine Spinne huschte über seine Wange, verharrte an einem Blutrinnsal und huschte weiter, als sich ein Schatten über den reglosen Körper beugte.

Logan bewegte sich in einer stickigen Halle. Hunderte Menschen zwängten sich auf roten Teppichen zwischen provisorischen Unterständen aus Holz. An deren Bretterwänden hingen seltsame Bilder mit seltsamen Motiven. Dinge, die er nicht kannte und Dinge, die ihm sehr vertraut waren. Doch alles wirkte irgendwie nicht echt. Keine Schwertklinge wirkte scharf, keine Rüstung geeignet um auch nur Faustschlägen standzuhalten. Schilder in der alten Sprache wiesen auf Sonderangebote und Neuerscheinungen hin.
Ein schlacksiger Mann mit langen zusammengebundenen Haaren drängte sich an ihm vorbei. Das Licht der Deckenlampen schien im Raum zu schweben. In einem schimmernden schwarzen Kasten erkannte er das Gesicht Dasans. Sein Fell war nicht verfilzt, sondern glänzte seidig und er lächelte, während er einem Monster den Schädel einschlug. Diese Welt wirkte wie ein Spiegelbild der Wirklichkeit, an die er sich zu erinnern versuchte. In die Fragen vertieft, die sich vor ihm wie Gruben auftaten, rempelte er einen dicklichen Mann mit schwarzem Hemd an. Er trug einen Bart und hatte ein Schwert umgebunden. Außerdem trug er ziemlich unecht wirkende Attrappen auf den Ohren, deren Sinn sich Logan nicht erschloss.
Der übergewichtige, falsche Elf murmelte etwas vor sich hin, doch Logan konnte kein Wort verstehen. Der Schmerz in seinem Hinterkopf wurde unerträglich und er entglitt dieser seltsamen Spiegelwelt und erwachte in der Realität, die ihm momentan gar nicht gefiel.

Als er aufwachte sah er in die blauen Augen einer jungen Frau. Sie grinste ihn mädchenhaft an.
Bin ich tot?, fragte Logan sich und machte den Fehler sich zu bewegen. Der Schwindel zwang ihn von dem Vorhaben abzulassen.
„Autsch.“, sagte er. Das Frauengesicht wandte sich von ihm ab. Sie fuhr sich durch lange blonde Haare. Das Kleid aus Leder und Fell wirkte wie ein Flickenteppich. Chaotisch und unpassend für eine hübsche Frau. Die Wahrsagerin hätte er sich gut in dem Fummel vorstellen können, aber das, was er sah passte nicht zu dem, was er dachte. Logan konnte weder Beine noch Arme gewesen und ihm wurde bewusst, dass er kopfüber an etwas hing. Ein Blick unter Einfluss eines erheblichen Schwindelgefühls, zeigte ihm, dass er fest verschnürt war.
„Wo bin ich?“, fragte Logan. Warum bin ich gefesselt? Es schien eine jener Situationen zu sein, in denen es angebracht schien um Hilfe zu schreien. Doch Logan blieb die Ruhe in Person, während er versuchte sich daran zu erinnern, was geschehen war. Dann kam ihm alles in den Sinn. Dieser verdammte … Affe ….
„Wo bin ich?“, wiederholte er die Frage, in der Hoffnung, dass sie Gehör finden würde.
„In einer Höhle“, sagte die Stimme der Frau, die ebenso bezaubernd war wie ihr Äußeres.
Er setzte zu einer spitzen Bemerkung an, schloss den Mund jedoch wieder, weil er nicht glaubte, dass Sarkasmus dazu beitragen konnte seine Situation zu verbessern.
„Du befindest dich im Hort eines Drachen, aufregend nicht wahr?“, sagte sie.
„Ein gemütliches Bett und eine horizontale Lage würde ich bevorzugen“, erwiderte Logan.
Sie zuckte mit den Schultern, zog ein Messer hervor, strich ihm damit über die Lippen und verschwand dann aus seinem Blickfeld. Er knallte auf den Boden und fand sich auf dem Rücken liegend wieder. Der Boden war angenehm weich. Immerhin Etwas. Seine Gliedmaßen schmerzten und das Gefühl von Taubheit schlich sich in seinen linken Arm. Nein, Sarkasmus lohnte sich nicht.
„Wo sind die Reiter?“, fragte Logan.
Sie deutete über ihre Schulter auf ein verkohltes Skelett, dessen Eisenhelm offenbar mit dem Knochen verbacken worden war. In der rechten Hand hielt es ein Schwert, dessen Klinge zu einer Spirale deformiert worden war. Der dezente Geruch von gegrilltem Hähnchen machte sich in seiner Nase breit und er verzog das Gesicht. Als sie nieste, zuckte er zusammen.
„Wo ist dein Freund?“, fragte sie.
„Mein Freund der Affe?“, erwiderte er. Sie kam dicht heran und umarmte den Gefesselten. Ihre Lippen waren nun an seinem Ohr und sie flüsterte:
„Ja, dein Freund der Affe.“
„Ich weiß nicht“, sagte Logan. „Das letzte Mal, als ich ihn sah hatte er einen großen Stein in der Hand und dann war ich bewusstlos.“
„Klingt nach einer innigen Freundschaft.“
„Es ist mehr eine Geschäftsbeziehung und ich glaube ich verdiene einen fetten Bonus. Von Steinen, Drachen und Reitern war nie die Rede ...“
„Du redest viel, wenn der Tag lang ist, Schreiber“, sagte sie und zückte ein Messer.
„Ich weiß, was dein Freund sucht und ich habe es nicht. Ich weiß aber, wo es ist“, sagte sie und schnitt die Seile am Knoten durch und Logan war, als würde eine schwere Last von ihm abfallen. Er rieb sich den Nacken und die Schultern. Mit der Zeit kehrte das Leben auch in seinen linken Arm zurück.
„Du bist also ein richtiger Drache? Die gibt’s doch gar nicht.“
„Weil Menschen sagen, dass es Dinge nicht gibt, gibt es sie nicht?“ Sie lächelte.
„Nein, Menschen sagen viele Dinge, die es nicht gibt, also ist es sinnvoll nicht zu glauben, dass es sie gibt“, erwiderte er.
„Menschen sehen vieles und interpretieren es falsch oder richtig, um es dann ins Lächerliche zu ziehen“, sagte sie und zog einen Briefumschlag aus einer Kiste. „Bring das deinem Freund und umarm ihn für mich.“
„Wie bitte?“
„Gute Freunde drückt man, wenn man sie wiedersieht, oder nicht?“
„Er hat mir einen Stein ...“
Sie hielt den Finger vor die Lippen. „Bring ihm einfach den Brief und hol dir dein Geld. Du hattest viele Geschichten in dir.“
„Hatte Ich?“, fragte er.
„In den Träumen eines lebenden Menschen sind sie miteinander verbunden. Diese Geschichten sind lebendig und unverfälscht. Richte Dasan aus, dass ich mit der Lieferung sehr zufrieden war.“
Mit diesen Worten verschwand sie im hinteren Teil der Höhle, die mit Möbeln aller Art eingerichtet war. Hohe, dunkle Schränke, verzierte Tische mit Marmorplatten und ein hoher Spiegel, dessen Rahmen golden glänzte. Auf einem kleinen Tisch, neben einer gläsernen Vitrine mit Edelsteinen und versteinerten Tieren, stand ein schwarzer Kasten aus einem seltsamen, mattem Material. Er konnte es nicht einordnen. Auf der offensichtlich gläsernen Front flimmerte ein Sturm aus Schwarz und Weiß. Aus irgendeinem Grund kam ihm dieses Gerät, so befremdlich es auch erschien, bekannt vor. Er konnte sich nur nicht erinnern woher. Den Briefumschlag mit beiden Händen fest umklammert verließ er die Höhle des Drachen mit vielen unbeantworteten Fragen.

LeO

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