Samstag, 18. Mai 2013

Poetry - Slam bei Sven Pörsch präsentiert im Lighthouse Herne

Meine Bühnenpremiere - Danke für die Gelegenheit!

Hier noch einmal die Texte für alle, die nicht dabei waren und diejenigen, die durch meine Nervosität vielleicht nicht alles verstanden haben. Für alle, die Interesse haben verschicke ich sie auch gerne nochmal als formatiertes Worddokument, schreibt mir einfach eine Nachricht mit Email-Adresse per Facebook oder an leif.otten@googlemail.com! :D

Numero Uno:


Dieser eine Tag, als die Kaffeemaschine kaputt war...
Es ist dieser Moment, wenn du aufwachst, dich wie ein verkateter Troll auf den Rücken wirfst um in das tickende Gesicht deines Erzfeindes zu blicken. Montag 6:30. Scheiße. Mit der Präzision einer nordkoreanischen Langstreckenrakete fischte ich nach dem Ding, dessen mechanischer Klingelton just in diesem Moment bereit war in einer Endlosschleife vom Band zu rollen und meine Ohren zu malträtieren.
Mehr oder weniger im Vollbesitz eines wachen Bewusstseins ging ich in die Küche. Als ich die Kaffeemaschine einschaltete, fing diese an zu brodeln. Ein Drache, den man besser nicht geweckt hätte. Schwarzes Gebräu quoll aus den Nischen und die Geräusche gingen in die gurgelnden Laute eines Ertrinkenden über. Nun gut. Ohne Kaffee verließ ich die Wohnung, wo mir Winston Churchill im Morgenmantel mit einer Zigarre im Mundwinkel, der Morgenzeitung in der rechten und einem schmutzigen Yorkshire-Terrier in der linken Armbeuge, entgegentrat. Der Bauch wölbte sich unter buntem gestreiftem Fransenstoff während aus dem V-artigen Ausschnitt dichtes, schwarzgraues Brusthaar wuchs. Ihn umgab eine seltsame Aura aus Badezusatz und kaltem Tabakrauch. Ich nickte ihm zu und als ich die Treppen herunterstürmte rief er mir hinterher: „Vergessen sie nicht das eiserne Tor zu schließen!“
Stirnrunzelnd richtete ich meinen Blick auf das Muster der Ziegelsteine und folgte dem Bürgersteig zur U-Bahn-Station. Ein Rabe, der sich in einem Magnolienbaum breit gemacht hatte, krächzte lautstark, als ich die Straße erreichte. Vor der Pizzabäckerei parkte ein lädierter Lieferwagen. Der spiegelnde Lack der Beifahrertür trug die Signatur eines harschen ungeplanten Kurvenmanövers. Die Tür des Ladens wurde aufgestoßen und ich fragte mich, wer um diese Zeit Pizza geliefert bekam und stellte fest, dass ich noch nichts gegessen hatte. Ein älterer Mann, dessen Haaransatz sich in einem fortgeschrittenen Stadium des Verfalls befand, trat mit einem Pizzakarton heraus. Auf der Stirn hatte er ein kakaofarbenes Muttermal.
„Du weiß, Maha, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, sagte er mit russischem Akzent. Ein hagerer Mann indischer Herkunft mit runden Brillengläsern blieb im Türrahmen stehen und nickte dem Sprecher zu. Kopfschüttelnd sehnte ich mich nach einer dampfenden Tasse Kaffee und folgte den Treppen in den Untergrund der Stadt, von wo mir bereits der kalte Atem des Zuspätkommens entgegenbrauste.
Mit einem Heulen fuhr die U-Bahn ein und ich stolperte die Stufen hinunter. Auf der Sitzbank neben den Fahrplänen hatten sich zwei Obdachlose in langen Mänteln und Schuhen mit kaputten Solen ausgebreitet.
„Ey, du, hasse mal nen Euro?“, fragte der mit dem ausgefransten Wangenbart und den knochigen Zügen.
„Keine Zeit, tut mir Leid.“ Ich hetzte zu der hinteren Tür, die ich gerade noch am Schließen hindern konnte.
„Mach dir nichts draus, Abe! Alles Kapitalistenschweine!“, sagte der Obdachlose mit dem grau melierten Vollbart und den ausgefransten Haaren und spuckte geräuschvoll auf den Boden.
„Da denkt man, man hätte die Sklaverei abgeschafft, doch der moderne Mensch wurde wieder zum Sklaven der Zeit“, sagte der Eine.
„Der Markt ist das Problem mein Freund. Er ist ein Monstrum, das die Arbeiter unterdrückt“, brummte der Andere, als sich die Türen schlossen und ich mich schwer atmend auf einem Sitz niederließ, auf dem keine Kaugummis klebten.
„Die Fahrausweise bitte!“ Als ich hochsah erkannte ich einen halbabgerissenen Aufkleber an der Decke. Erst als ich den Blick senkte sah ich einen Mann, der mir den Rücken zuwandte. Er trug eine schiefsitzende Bogestramütze, die mich an irgendetwas französisches erinnerte. Eine Blondine kramte in ihrer Tasche, die das Gesuchte nicht liefern konnte. Die Frau mit ihren roten Lippen und einem Leberfleck auf der gepuderten Wange sah den Kontrolleur schuldbewusst in die Augen.
„Ich muss mein Ticket wohl vergessen haben.“
Der kleine Mann nickte mit einem gespielten Seufzer und griff sich mit der rechten Hand in die Jacke. „Wir erleben alle einmal unser persönliches Waterloo. Wenn sie mir bitte nach draußen folgen würden!“
Die Frau nickte resigniert. Ich musste grinsen. Als sie aufstand schien sie doppelt so groß zu sein wie der Kontrolleur, der seine Hand immer noch in der Jacke hatte. Holpernd setzte sich der Zug ohne die Beiden in Bewegung. Haltestelle um Haltestelle zog vorbei. Auf der Strecke zum Bahnhof rollten Worte mit österreichischen Akzent an mein Ohr: „Nein, nein, nein … das ist vollkommen inakzeptabel! Totale Abzocke!“ Als die Bahn hielt, stieg der Mann laut fluchend und in sein Handy brüllend aus.
Ein junger Mann mit schulterlangem Haar, der gerade eingestiegen war, setzte sich mir gegenüber. Er grinste und kratzte sich an seinem stoppeligen Kinn. Dann verschob er seine Mütze, die einen goldenen Stern an der Seite trug.
„Seien wir realistisch und versuchen das Unmögliche, nicht wahr?“, fragte er.
„Manchmal kommt es mir vor, als ob dieselbe Geschichte immer wieder neu geschrieben wird. Man muss nur ein paar Rollen tauschen“, antwortete ich, ohne auf das einzugehen, was der Mann eigentlich gesagt hatte.
„Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“, sagte ein alter Mann mit lockigem grauem Haar, der sich lächelnd zu uns setzte und sich mit einer Hand den braun karierten Mantel richtete. Eine Pfeife und eine herausgestreckte Zunge kamen mir in den Sinn.
„Wenn sie das sagen.“
„Ich weiß es“, sagte der alte Mann zwinkernd. Eigentlich hätte ich eine Haltestelle früher aussteigen müssen. Ich war Student und meine Pünktlichkeit auch Geschichte.

Numero Dos:


Das eine Gedicht

Der Wald unter Mondlicht silber scheint
Die Scheibe sachte im Wasser tanzt
Der Wind heult, als ob er Tränen weint
Eine Idee klar gepflanzt

Im Unterholz ein Schlund versteckt
Im Zwielicht unerkannt geblieben
Mein Entdeckerdrang geweckt
Rädchen von Neugier betrieben

Ich steige ab in Hallen aus Stein
durch Wasser und Feuer genormt
Tosende Flüsse in der Erde schallen
Steinerne Kammern in Äonen geformt

Die Luft ist feucht und kühl
mir fröstelt im Fackelschein
Tanzende Schatten, ich fühl
Am Ende des Ganges leuchtets klein

Der Fels hier ist glatt behauen
Tunnel wie von Menschenhand
Breschen ins steinerne Fleisch geschlagen
Der Bau eines Wurms, des Erdwesens Gewand

Das Licht wirkt geborgen warm
Eine Motte vom Glanz der Flamme gebannt
Die Sehnsucht hat ihren eigenen Charme
Der Hauch von Harmonie, kaum gekannt

An der Schwelle der Dunkelheit, trat ich ins Licht
Mit Erstaunen erfasst, die Sicht ist klar
Das Auge schmerzt, der Anblick besticht
Alte Maschinerie kalt und starr

Hebel aus Bronze zwischen Säulen aus Stein
Elektrische Leuchten wie Sterne am Himmel rund
Zahnräder bedecken die Wände im Kupferschein
Schlafendes Monstrum im Sand der Zeit verstummt



Hebel aus Bronze zwischen Säulen aus Stein
Der Knauf mit dem Rabenkopf gesiegelt
Schimmernde Lichter an der Decke fein
Ein Funken von Leben gespiegelt

Hebel aus Bronze zwischen Säulen aus Stein
Dort eine Hand ruht kühl
Mein Herz musst brennend sein
Lodernde Neugier, ergreifendes Gefühl

Durch die Hallen ein Atem zieht
Schlafende Kraft von mir entfacht
Der Hauch vom Tode flieht
Gedämpftes Licht nun glühend erwacht


Sehe mit Erstaunen bedacht
Ein Uhrwerk präzise geeicht
Zahnräder wie Wasser in fließender Pracht
Zur Seite gleiten Tore leicht

Vor mir mit Stolz lacht
das Herz der Erde im Feuerschein
die Sonne im Kern neu erwacht
Ein ferner Blick gefasst in Glas und Stein

Mein Körper unendlich klein
Ein Feuer erhaben hell
Im Zentrum der Kräfte rein
Wärme pulsierend grell

Ihre Flamme Leben nährt
Ein Wind, der in meinem Rücken weht
Wellen reitend, von stillen Quellen zehrt
Durch Raum und Zeit sie treibt gestet.

Von neuer Stärke erfüllt
Ein Funke übergesprungen
Der Wind des Lebens meine Segel bläht
Quelle der Wärme vom Sturm der Zeit umschlungen.


Numero Tres:


Das andere Gedicht


Gebrochene Flügel, keine Kraft zu fliegen

Dorn im Fleisch keine Meile zu gehen

Den Tiefen der Sehnsucht entstiegen

Der Versuch Stärke zu erflehen



Ihr Haar im Winde weht

die Wolken vom Horizont vergehn

ihrer Augen werde ich gewahr

Ein Feuer auf smaragdenen Scheiten

Die Wärme ihrer Quelle besteht

durch alle Epochen und Zeiten



Mir vertraute Gestade habe ich verlassen

Was ich sehnte konnten sie nicht geben

Geschichten ohne Anker im Sturm der Welt

Ohne Konstante in Dauer und Gestalt

Ihre Echos sind lang verschallt

rot verglüht, Alt verblüht



Nun am Rande dieser Welt

stehe ich an steilen Klippen

Blicke in den Himmel und verglühe

Blicke in die Erde und verblühe

Sehe das Wasser  mir den Weg versperren

Sehe den Wind an meiner Seele zerren

Sie steht am Rand der Welt

trotzt dem rauen Wind, der weht

Um mir Kraft zu geben, wo sie steht

an schroffen Klippen am Rand der Welt gelegen

über Monstern und der Leere

bewohnt sie die Insel, von Zeit und Raum ungebunden



Sie sieht mich an in ihrer Pracht

Die Augen beseelt mit grünem Feuer

Mir war als würde sie Flügel tragen

doch sie hält nur einen Kiesel in der Hand

Für meine Ohren ihre Stimme hallt

durch Wellen und Sturm gelangt



Lass die Steine rollen

zwingen kannst du nichts

alles wird trotzdem vergehen

nichts wird trotzdem kommen

Die Zeit ist ein Fluss, lass dich treiben

Sie hat Steine gemahlen und Täler gegraben

Keiner kennt ihre Tiefe und Weiten




Den Kiesel lässt sie fallen

Schwarz wie Onyx, glänzt geschliffen

von Meter zu Meter springt er allein

mit sich reißt er Staub und Sand

Die Klippen grummelnd erzittern

Gestein bricht aus der schroffen Wand



Ins Meer gestürzt, Gischt auf dem Land vergießt

Ihre Augen funkeln im Grün von Edelsteinen

Das Feuer der Schaffenskraft

Eine Flamme die Ideen schmiedet

Eine Wächterin präsent in allen Zeiten

Die Muse lächelt und hält in ihrer Hand

Gedanke und Gedächtnis wie Sterne am Weltenrand.

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