Mittwoch, 29. Mai 2013

Der Himmel über der Halde

Why do we fly?

To reach the touch of the sky?

 Nobody is there, but i will never die

 Suns burn everlasting as in fire so in void 

Never surrender the thought of light 

Neither in despair nor in fight




















Mittwoch, 22. Mai 2013

und mehr

und noch mehr von der Jahrhunderthalle ;)
















Jahrhunderthalle


Die Jahrhunderthalle in Bochum ist nicht nur ein imposantes Gebäude, die Industriebrachen abseits der Wege können inspirierende Orte des Innehaltens sein. Zwei Bilder von der Fototour am 09.05.:



Montag, 20. Mai 2013

Tales of the Monkeywarrior Vol. I


Der Affenkrieger


Es war Mittag und die Sonne stand hoch über dem lichten Wäldchen. Logan musterte seinen Weggefährten, die verschrammte Lederrüstung mit den Metallaufsätzen und den langen Eisenstab, der an seiner Schulter lehnte. Die Straße war dem Schreiber aus der Stadt nicht geheuer. Wenn ein paar halb versunkene Pflastersteine die Bezeichnung Straße überhaupt gelten ließen. Es war ein aufgegebener Trampelpfad, den die Zivilisation verlassen und die Wildnis zurückerobert hatte.
Der Affenkrieger schnaubte und klopfte mit dem Eisenstab auf einen der Steine, als vermute er darunter einen Hohlraum. Über ihnen rauschte der Wind durch die Baumkronen.
„Was machen wir hier, Dasan?“, fragte Logan. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und dachte darüber nach wie es wäre in einer Taverne zu sitzen und nicht mit einem intelligenten Affen durch den Wald zu wandern. Dasan schien kein Wesen der großen Worte zu sein. Er kratzte sich am Kopf und schnaubte abermals.
Es war eine Schnapsidee gewesen mitzukommen und vielleicht war es auch eine Schnapsidee wieder zu gehen. Kennengelernt hatte Logan den Affenkrieger am Abend zuvor bei einem Bier. Die Geschichten, die der Affe zu erzählen hatte waren interessant und warteten noch ein paar Goldmünzen im Beutel darauf den Besitzer zu wechseln. Warum war er also hier? Eine Frage, die jeder Minenarbeiter beantworten konnte – auch der dümmste Troll. Geld war Geld.
Und Kater war Kater. Logan konnte sich nicht erinnern, wann seine Nacht geendet und dieser Tag begonnen hatte. Der Affenkrieger setzte sich in Bewegung und er folgte. Was eigentlich seine Aufgabe war, wusste er nicht. Insekten umschwirrten die ungewöhnlichen Reisegefährten, als sie eine Lichtung betraten. Eine verwitterte Ruine. Die Reste der Mauern zeugten von einem ehemals imposanten Gebäudekomplex. Es schien als hätte die Zeit sich ihrer schon vor langer Zeit angenommen. Farbe abgenagt und Steine zerbröckelt. Mauern von Efeu umrankt, die Marmorböden unter Laub verschwunden.
Ein glänzender Fleck ließ Logan blinzeln.  Auf den zweiten Blick offenbarte sich ihm die Statue eines lächelnden Mannes, der nun eine Krone aus Efeuranken trug und dessen Haut korrodiert war. In seiner rechten Hand hielt er einen Blumenstrauß. Rosen.
„Kannst du das lesen, Schreiber?“, fragte Dasan und deutete mit dem Stab auf die Inschrift, die sich zu Füßen des lächelnden Mannes befand. Natürlich konnte er die alte Schrift lesen. Wenn darin seine Aufgabe bestand, war sie leicht verdientes Geld. Mit dem Finger fuhr er über die eingravierten Zeilen, während Dasan in seinem Umhängebeutel kramte und sich mit der anderen Hand stilvoll am Hintern kratzte.
„Rosen ...“, murmelte Lokan.
„Haha!“, sagte Dasan.
„Suchen wir also Rosen? Was ist an Blumen so interessant? Hier steht, dass diese Statue zu Ehren eines Rosenverkäufers errichtet wurde, der dieses Einkaufszentrum finanzierte.“
„Ein Apfel, ein Apfel! Ich dachte, ich hätte den letzten gestern gegessen!“
„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte Logan.
„Was …? Wie? Gibt es einen Hinweis auf das, was wir suchen?“, fragte der Affenkrieger.
„Wenn ich wüsste, was wir suchen, könnte ich dir das sagen“, erwiderte Logan.
Dasan biss in den Apfel und in der Ferne war das Krächzen eines Raben zu hören. Er zog eine Grimasse, als er angestrengt versuchte sich zu erinnern.
„Sagte ich das nicht?“, fragte er.
„Nein“, antwortete Logan.
„Diese alte Hexe im Dorf hat irgendetwas von einer Höhle jenseits der Berge geredet.“
„Ist dir schonmal in den Sinn gekommen, dass sie dir erzählt hat, was du hören wolltest, damit du ihr die zwei Goldmünzen gibst, die du ihr vor die Nase gehalten hast?“, sagte Logan.
Dasan zuckte mit den Achseln. „Sie hat in Trance geredet und das Zimmer hat nach Weihrauch gestunken.“
„Und das macht eine Lüge zur Weissagung?“
„Vielleicht“, murmelte Dasan und sein Schwanz mit der weißen Spitze wedelte in der Luft wie bei einem Hund in Aufregung.
„Also was suchen wir?“, fragte Logan. Er lehnte sich an die Wand, die einen halbwegs stabilen Eindruck vermittelte und versuchte dabei die hervorstehenden Stahlstreben zu meiden. Eine Spinne huschte durch sein Blickfeld über das verrostete und verbogene Metall.
„Einen Drachen.“
„Einen Drachen?“
Also bei allen möglichen Antworten, damit hatte er nicht gerechnet. Logan setzte zu einer spitzen Bemerkung über vertragliche Zusammenarbeit an, als der Boden anfing zu vibrieren und in der Ferne das trommelnde Geräusch von Pferdehufen zu hören war.
Dasan war verschwunden und er stand alleine und perplex auf der Lichtung. Dann fand Logan den Affenkrieger hinter dem Rest eines Fensterrahmens geduckt. Auf seinen Lippen glaubte er die Worte lesen zu können: „Stell dich tot.“
In der Hand hielt Dasan einen großen Stein, der auf Distanz schwer und scharfkantig wirkte. Logan runzelte die Stirn. Im nächsten Augenblick verlor er das Bewusstsein. Der Stein traf ihn an der Schläfe und er sackte vor den Füßen des Rosenverkäufers zusammen. Eine Spinne huschte über seine Wange, verharrte an einem Blutrinnsal und huschte weiter, als sich ein Schatten über den reglosen Körper beugte.

Logan bewegte sich in einer stickigen Halle. Hunderte Menschen zwängten sich auf roten Teppichen zwischen provisorischen Unterständen aus Holz. An deren Bretterwänden hingen seltsame Bilder mit seltsamen Motiven. Dinge, die er nicht kannte und Dinge, die ihm sehr vertraut waren. Doch alles wirkte irgendwie nicht echt. Keine Schwertklinge wirkte scharf, keine Rüstung geeignet um auch nur Faustschlägen standzuhalten. Schilder in der alten Sprache wiesen auf Sonderangebote und Neuerscheinungen hin.
Ein schlacksiger Mann mit langen zusammengebundenen Haaren drängte sich an ihm vorbei. Das Licht der Deckenlampen schien im Raum zu schweben. In einem schimmernden schwarzen Kasten erkannte er das Gesicht Dasans. Sein Fell war nicht verfilzt, sondern glänzte seidig und er lächelte, während er einem Monster den Schädel einschlug. Diese Welt wirkte wie ein Spiegelbild der Wirklichkeit, an die er sich zu erinnern versuchte. In die Fragen vertieft, die sich vor ihm wie Gruben auftaten, rempelte er einen dicklichen Mann mit schwarzem Hemd an. Er trug einen Bart und hatte ein Schwert umgebunden. Außerdem trug er ziemlich unecht wirkende Attrappen auf den Ohren, deren Sinn sich Logan nicht erschloss.
Der übergewichtige, falsche Elf murmelte etwas vor sich hin, doch Logan konnte kein Wort verstehen. Der Schmerz in seinem Hinterkopf wurde unerträglich und er entglitt dieser seltsamen Spiegelwelt und erwachte in der Realität, die ihm momentan gar nicht gefiel.

Als er aufwachte sah er in die blauen Augen einer jungen Frau. Sie grinste ihn mädchenhaft an.
Bin ich tot?, fragte Logan sich und machte den Fehler sich zu bewegen. Der Schwindel zwang ihn von dem Vorhaben abzulassen.
„Autsch.“, sagte er. Das Frauengesicht wandte sich von ihm ab. Sie fuhr sich durch lange blonde Haare. Das Kleid aus Leder und Fell wirkte wie ein Flickenteppich. Chaotisch und unpassend für eine hübsche Frau. Die Wahrsagerin hätte er sich gut in dem Fummel vorstellen können, aber das, was er sah passte nicht zu dem, was er dachte. Logan konnte weder Beine noch Arme gewesen und ihm wurde bewusst, dass er kopfüber an etwas hing. Ein Blick unter Einfluss eines erheblichen Schwindelgefühls, zeigte ihm, dass er fest verschnürt war.
„Wo bin ich?“, fragte Logan. Warum bin ich gefesselt? Es schien eine jener Situationen zu sein, in denen es angebracht schien um Hilfe zu schreien. Doch Logan blieb die Ruhe in Person, während er versuchte sich daran zu erinnern, was geschehen war. Dann kam ihm alles in den Sinn. Dieser verdammte … Affe ….
„Wo bin ich?“, wiederholte er die Frage, in der Hoffnung, dass sie Gehör finden würde.
„In einer Höhle“, sagte die Stimme der Frau, die ebenso bezaubernd war wie ihr Äußeres.
Er setzte zu einer spitzen Bemerkung an, schloss den Mund jedoch wieder, weil er nicht glaubte, dass Sarkasmus dazu beitragen konnte seine Situation zu verbessern.
„Du befindest dich im Hort eines Drachen, aufregend nicht wahr?“, sagte sie.
„Ein gemütliches Bett und eine horizontale Lage würde ich bevorzugen“, erwiderte Logan.
Sie zuckte mit den Schultern, zog ein Messer hervor, strich ihm damit über die Lippen und verschwand dann aus seinem Blickfeld. Er knallte auf den Boden und fand sich auf dem Rücken liegend wieder. Der Boden war angenehm weich. Immerhin Etwas. Seine Gliedmaßen schmerzten und das Gefühl von Taubheit schlich sich in seinen linken Arm. Nein, Sarkasmus lohnte sich nicht.
„Wo sind die Reiter?“, fragte Logan.
Sie deutete über ihre Schulter auf ein verkohltes Skelett, dessen Eisenhelm offenbar mit dem Knochen verbacken worden war. In der rechten Hand hielt es ein Schwert, dessen Klinge zu einer Spirale deformiert worden war. Der dezente Geruch von gegrilltem Hähnchen machte sich in seiner Nase breit und er verzog das Gesicht. Als sie nieste, zuckte er zusammen.
„Wo ist dein Freund?“, fragte sie.
„Mein Freund der Affe?“, erwiderte er. Sie kam dicht heran und umarmte den Gefesselten. Ihre Lippen waren nun an seinem Ohr und sie flüsterte:
„Ja, dein Freund der Affe.“
„Ich weiß nicht“, sagte Logan. „Das letzte Mal, als ich ihn sah hatte er einen großen Stein in der Hand und dann war ich bewusstlos.“
„Klingt nach einer innigen Freundschaft.“
„Es ist mehr eine Geschäftsbeziehung und ich glaube ich verdiene einen fetten Bonus. Von Steinen, Drachen und Reitern war nie die Rede ...“
„Du redest viel, wenn der Tag lang ist, Schreiber“, sagte sie und zückte ein Messer.
„Ich weiß, was dein Freund sucht und ich habe es nicht. Ich weiß aber, wo es ist“, sagte sie und schnitt die Seile am Knoten durch und Logan war, als würde eine schwere Last von ihm abfallen. Er rieb sich den Nacken und die Schultern. Mit der Zeit kehrte das Leben auch in seinen linken Arm zurück.
„Du bist also ein richtiger Drache? Die gibt’s doch gar nicht.“
„Weil Menschen sagen, dass es Dinge nicht gibt, gibt es sie nicht?“ Sie lächelte.
„Nein, Menschen sagen viele Dinge, die es nicht gibt, also ist es sinnvoll nicht zu glauben, dass es sie gibt“, erwiderte er.
„Menschen sehen vieles und interpretieren es falsch oder richtig, um es dann ins Lächerliche zu ziehen“, sagte sie und zog einen Briefumschlag aus einer Kiste. „Bring das deinem Freund und umarm ihn für mich.“
„Wie bitte?“
„Gute Freunde drückt man, wenn man sie wiedersieht, oder nicht?“
„Er hat mir einen Stein ...“
Sie hielt den Finger vor die Lippen. „Bring ihm einfach den Brief und hol dir dein Geld. Du hattest viele Geschichten in dir.“
„Hatte Ich?“, fragte er.
„In den Träumen eines lebenden Menschen sind sie miteinander verbunden. Diese Geschichten sind lebendig und unverfälscht. Richte Dasan aus, dass ich mit der Lieferung sehr zufrieden war.“
Mit diesen Worten verschwand sie im hinteren Teil der Höhle, die mit Möbeln aller Art eingerichtet war. Hohe, dunkle Schränke, verzierte Tische mit Marmorplatten und ein hoher Spiegel, dessen Rahmen golden glänzte. Auf einem kleinen Tisch, neben einer gläsernen Vitrine mit Edelsteinen und versteinerten Tieren, stand ein schwarzer Kasten aus einem seltsamen, mattem Material. Er konnte es nicht einordnen. Auf der offensichtlich gläsernen Front flimmerte ein Sturm aus Schwarz und Weiß. Aus irgendeinem Grund kam ihm dieses Gerät, so befremdlich es auch erschien, bekannt vor. Er konnte sich nur nicht erinnern woher. Den Briefumschlag mit beiden Händen fest umklammert verließ er die Höhle des Drachen mit vielen unbeantworteten Fragen.

LeO

Samstag, 18. Mai 2013

Neues Interface


Ich habe mal ein bisschen in der Vorlagenkiste gekramt und dem ganzen Ding einen neuen Schliff verpasst. Man liest sich ;)

Poetry - Slam bei Sven Pörsch präsentiert im Lighthouse Herne

Meine Bühnenpremiere - Danke für die Gelegenheit!

Hier noch einmal die Texte für alle, die nicht dabei waren und diejenigen, die durch meine Nervosität vielleicht nicht alles verstanden haben. Für alle, die Interesse haben verschicke ich sie auch gerne nochmal als formatiertes Worddokument, schreibt mir einfach eine Nachricht mit Email-Adresse per Facebook oder an leif.otten@googlemail.com! :D

Numero Uno:


Dieser eine Tag, als die Kaffeemaschine kaputt war...
Es ist dieser Moment, wenn du aufwachst, dich wie ein verkateter Troll auf den Rücken wirfst um in das tickende Gesicht deines Erzfeindes zu blicken. Montag 6:30. Scheiße. Mit der Präzision einer nordkoreanischen Langstreckenrakete fischte ich nach dem Ding, dessen mechanischer Klingelton just in diesem Moment bereit war in einer Endlosschleife vom Band zu rollen und meine Ohren zu malträtieren.
Mehr oder weniger im Vollbesitz eines wachen Bewusstseins ging ich in die Küche. Als ich die Kaffeemaschine einschaltete, fing diese an zu brodeln. Ein Drache, den man besser nicht geweckt hätte. Schwarzes Gebräu quoll aus den Nischen und die Geräusche gingen in die gurgelnden Laute eines Ertrinkenden über. Nun gut. Ohne Kaffee verließ ich die Wohnung, wo mir Winston Churchill im Morgenmantel mit einer Zigarre im Mundwinkel, der Morgenzeitung in der rechten und einem schmutzigen Yorkshire-Terrier in der linken Armbeuge, entgegentrat. Der Bauch wölbte sich unter buntem gestreiftem Fransenstoff während aus dem V-artigen Ausschnitt dichtes, schwarzgraues Brusthaar wuchs. Ihn umgab eine seltsame Aura aus Badezusatz und kaltem Tabakrauch. Ich nickte ihm zu und als ich die Treppen herunterstürmte rief er mir hinterher: „Vergessen sie nicht das eiserne Tor zu schließen!“
Stirnrunzelnd richtete ich meinen Blick auf das Muster der Ziegelsteine und folgte dem Bürgersteig zur U-Bahn-Station. Ein Rabe, der sich in einem Magnolienbaum breit gemacht hatte, krächzte lautstark, als ich die Straße erreichte. Vor der Pizzabäckerei parkte ein lädierter Lieferwagen. Der spiegelnde Lack der Beifahrertür trug die Signatur eines harschen ungeplanten Kurvenmanövers. Die Tür des Ladens wurde aufgestoßen und ich fragte mich, wer um diese Zeit Pizza geliefert bekam und stellte fest, dass ich noch nichts gegessen hatte. Ein älterer Mann, dessen Haaransatz sich in einem fortgeschrittenen Stadium des Verfalls befand, trat mit einem Pizzakarton heraus. Auf der Stirn hatte er ein kakaofarbenes Muttermal.
„Du weiß, Maha, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, sagte er mit russischem Akzent. Ein hagerer Mann indischer Herkunft mit runden Brillengläsern blieb im Türrahmen stehen und nickte dem Sprecher zu. Kopfschüttelnd sehnte ich mich nach einer dampfenden Tasse Kaffee und folgte den Treppen in den Untergrund der Stadt, von wo mir bereits der kalte Atem des Zuspätkommens entgegenbrauste.
Mit einem Heulen fuhr die U-Bahn ein und ich stolperte die Stufen hinunter. Auf der Sitzbank neben den Fahrplänen hatten sich zwei Obdachlose in langen Mänteln und Schuhen mit kaputten Solen ausgebreitet.
„Ey, du, hasse mal nen Euro?“, fragte der mit dem ausgefransten Wangenbart und den knochigen Zügen.
„Keine Zeit, tut mir Leid.“ Ich hetzte zu der hinteren Tür, die ich gerade noch am Schließen hindern konnte.
„Mach dir nichts draus, Abe! Alles Kapitalistenschweine!“, sagte der Obdachlose mit dem grau melierten Vollbart und den ausgefransten Haaren und spuckte geräuschvoll auf den Boden.
„Da denkt man, man hätte die Sklaverei abgeschafft, doch der moderne Mensch wurde wieder zum Sklaven der Zeit“, sagte der Eine.
„Der Markt ist das Problem mein Freund. Er ist ein Monstrum, das die Arbeiter unterdrückt“, brummte der Andere, als sich die Türen schlossen und ich mich schwer atmend auf einem Sitz niederließ, auf dem keine Kaugummis klebten.
„Die Fahrausweise bitte!“ Als ich hochsah erkannte ich einen halbabgerissenen Aufkleber an der Decke. Erst als ich den Blick senkte sah ich einen Mann, der mir den Rücken zuwandte. Er trug eine schiefsitzende Bogestramütze, die mich an irgendetwas französisches erinnerte. Eine Blondine kramte in ihrer Tasche, die das Gesuchte nicht liefern konnte. Die Frau mit ihren roten Lippen und einem Leberfleck auf der gepuderten Wange sah den Kontrolleur schuldbewusst in die Augen.
„Ich muss mein Ticket wohl vergessen haben.“
Der kleine Mann nickte mit einem gespielten Seufzer und griff sich mit der rechten Hand in die Jacke. „Wir erleben alle einmal unser persönliches Waterloo. Wenn sie mir bitte nach draußen folgen würden!“
Die Frau nickte resigniert. Ich musste grinsen. Als sie aufstand schien sie doppelt so groß zu sein wie der Kontrolleur, der seine Hand immer noch in der Jacke hatte. Holpernd setzte sich der Zug ohne die Beiden in Bewegung. Haltestelle um Haltestelle zog vorbei. Auf der Strecke zum Bahnhof rollten Worte mit österreichischen Akzent an mein Ohr: „Nein, nein, nein … das ist vollkommen inakzeptabel! Totale Abzocke!“ Als die Bahn hielt, stieg der Mann laut fluchend und in sein Handy brüllend aus.
Ein junger Mann mit schulterlangem Haar, der gerade eingestiegen war, setzte sich mir gegenüber. Er grinste und kratzte sich an seinem stoppeligen Kinn. Dann verschob er seine Mütze, die einen goldenen Stern an der Seite trug.
„Seien wir realistisch und versuchen das Unmögliche, nicht wahr?“, fragte er.
„Manchmal kommt es mir vor, als ob dieselbe Geschichte immer wieder neu geschrieben wird. Man muss nur ein paar Rollen tauschen“, antwortete ich, ohne auf das einzugehen, was der Mann eigentlich gesagt hatte.
„Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt“, sagte ein alter Mann mit lockigem grauem Haar, der sich lächelnd zu uns setzte und sich mit einer Hand den braun karierten Mantel richtete. Eine Pfeife und eine herausgestreckte Zunge kamen mir in den Sinn.
„Wenn sie das sagen.“
„Ich weiß es“, sagte der alte Mann zwinkernd. Eigentlich hätte ich eine Haltestelle früher aussteigen müssen. Ich war Student und meine Pünktlichkeit auch Geschichte.

Numero Dos:


Das eine Gedicht

Der Wald unter Mondlicht silber scheint
Die Scheibe sachte im Wasser tanzt
Der Wind heult, als ob er Tränen weint
Eine Idee klar gepflanzt

Im Unterholz ein Schlund versteckt
Im Zwielicht unerkannt geblieben
Mein Entdeckerdrang geweckt
Rädchen von Neugier betrieben

Ich steige ab in Hallen aus Stein
durch Wasser und Feuer genormt
Tosende Flüsse in der Erde schallen
Steinerne Kammern in Äonen geformt

Die Luft ist feucht und kühl
mir fröstelt im Fackelschein
Tanzende Schatten, ich fühl
Am Ende des Ganges leuchtets klein

Der Fels hier ist glatt behauen
Tunnel wie von Menschenhand
Breschen ins steinerne Fleisch geschlagen
Der Bau eines Wurms, des Erdwesens Gewand

Das Licht wirkt geborgen warm
Eine Motte vom Glanz der Flamme gebannt
Die Sehnsucht hat ihren eigenen Charme
Der Hauch von Harmonie, kaum gekannt

An der Schwelle der Dunkelheit, trat ich ins Licht
Mit Erstaunen erfasst, die Sicht ist klar
Das Auge schmerzt, der Anblick besticht
Alte Maschinerie kalt und starr

Hebel aus Bronze zwischen Säulen aus Stein
Elektrische Leuchten wie Sterne am Himmel rund
Zahnräder bedecken die Wände im Kupferschein
Schlafendes Monstrum im Sand der Zeit verstummt



Hebel aus Bronze zwischen Säulen aus Stein
Der Knauf mit dem Rabenkopf gesiegelt
Schimmernde Lichter an der Decke fein
Ein Funken von Leben gespiegelt

Hebel aus Bronze zwischen Säulen aus Stein
Dort eine Hand ruht kühl
Mein Herz musst brennend sein
Lodernde Neugier, ergreifendes Gefühl

Durch die Hallen ein Atem zieht
Schlafende Kraft von mir entfacht
Der Hauch vom Tode flieht
Gedämpftes Licht nun glühend erwacht


Sehe mit Erstaunen bedacht
Ein Uhrwerk präzise geeicht
Zahnräder wie Wasser in fließender Pracht
Zur Seite gleiten Tore leicht

Vor mir mit Stolz lacht
das Herz der Erde im Feuerschein
die Sonne im Kern neu erwacht
Ein ferner Blick gefasst in Glas und Stein

Mein Körper unendlich klein
Ein Feuer erhaben hell
Im Zentrum der Kräfte rein
Wärme pulsierend grell

Ihre Flamme Leben nährt
Ein Wind, der in meinem Rücken weht
Wellen reitend, von stillen Quellen zehrt
Durch Raum und Zeit sie treibt gestet.

Von neuer Stärke erfüllt
Ein Funke übergesprungen
Der Wind des Lebens meine Segel bläht
Quelle der Wärme vom Sturm der Zeit umschlungen.


Numero Tres:


Das andere Gedicht


Gebrochene Flügel, keine Kraft zu fliegen

Dorn im Fleisch keine Meile zu gehen

Den Tiefen der Sehnsucht entstiegen

Der Versuch Stärke zu erflehen



Ihr Haar im Winde weht

die Wolken vom Horizont vergehn

ihrer Augen werde ich gewahr

Ein Feuer auf smaragdenen Scheiten

Die Wärme ihrer Quelle besteht

durch alle Epochen und Zeiten



Mir vertraute Gestade habe ich verlassen

Was ich sehnte konnten sie nicht geben

Geschichten ohne Anker im Sturm der Welt

Ohne Konstante in Dauer und Gestalt

Ihre Echos sind lang verschallt

rot verglüht, Alt verblüht



Nun am Rande dieser Welt

stehe ich an steilen Klippen

Blicke in den Himmel und verglühe

Blicke in die Erde und verblühe

Sehe das Wasser  mir den Weg versperren

Sehe den Wind an meiner Seele zerren

Sie steht am Rand der Welt

trotzt dem rauen Wind, der weht

Um mir Kraft zu geben, wo sie steht

an schroffen Klippen am Rand der Welt gelegen

über Monstern und der Leere

bewohnt sie die Insel, von Zeit und Raum ungebunden



Sie sieht mich an in ihrer Pracht

Die Augen beseelt mit grünem Feuer

Mir war als würde sie Flügel tragen

doch sie hält nur einen Kiesel in der Hand

Für meine Ohren ihre Stimme hallt

durch Wellen und Sturm gelangt



Lass die Steine rollen

zwingen kannst du nichts

alles wird trotzdem vergehen

nichts wird trotzdem kommen

Die Zeit ist ein Fluss, lass dich treiben

Sie hat Steine gemahlen und Täler gegraben

Keiner kennt ihre Tiefe und Weiten




Den Kiesel lässt sie fallen

Schwarz wie Onyx, glänzt geschliffen

von Meter zu Meter springt er allein

mit sich reißt er Staub und Sand

Die Klippen grummelnd erzittern

Gestein bricht aus der schroffen Wand



Ins Meer gestürzt, Gischt auf dem Land vergießt

Ihre Augen funkeln im Grün von Edelsteinen

Das Feuer der Schaffenskraft

Eine Flamme die Ideen schmiedet

Eine Wächterin präsent in allen Zeiten

Die Muse lächelt und hält in ihrer Hand

Gedanke und Gedächtnis wie Sterne am Weltenrand.