Dienstag, 18. Dezember 2012

Fragment: Die Reise


Wandere ich auf verschlungenen Pfaden, um Antworten auf meine Fragen zu finden? Getretene Natur aus matschigem Lehm, überwuchert mit Dornen und modrigem Unterholz. Wälder, in denen die Zeit still steht. Bastionen der Vergangenheit fernab der Zivilisation. Ich bleibe stecken in zugewachsenen Sümpfen und lausche dem Lied der Wildnis in einer stickig schwülen Atmosphäre, die zwischen den Fingern zu kleben scheint. Insekten brummen vor meinen Ohren, während primitive Raubtiere in den Schatten schleichen. Ich kann sie hören, ihre Augen starren mich an, ohne das ich sie sehe. Kann ich Respekt verlangen? Ohne sich den Regeln dieser Welt zu fügen, scheint der Mensch doch Spielball der Elemente zu sein. Die Natur kümmert sich nicht um gewebte Kleidung oder Werkzeuge aus Metall. Die Gesetze der Stadt werden obsolet, wenn die Reste der Jagdbeute auf der Lichtung verwesen.Versenkt von der Sonne, das Blut weggespült vom Regen. Gerissen vielleicht von einem Tiger oder etwas Schlimmerem.
Es liegt eine urtümliche Kraft in diesen Hallen mit ihren Säulen, die schon vor meiner Geburt standen und meinen Tod überdauern werden. Bauwerke, an denen nie ein Handwerker gewirkt hat. Ich genieße den Anblick und halte auf das Ufer eines Wasserbassins zu. Eine blaue Insel im Grünen, das ich sowohl Hölle als auch Heiligtum nennen würde. Die Steine, an diesem lichtgefluteten Ort, sind mit Moos bewachsen. Beinahe rutsche ich aus und verliere das Gleichgewicht. Doch ich fange mich und beschließe zu rasten. Kniend nehme ich meine Hände voll Wasser, kühle meine Augen, lösche meinen Durst. Ich betrachte das Messer an meinem Gürtel und stelle abermals fest wie kümmerlich es doch wirkt. Der verzweifelte Versuch sich in dieser Umgebung, die der Moderne so fremd erscheint wie das Erkunden eines fremden Planeten oder uns auch nur das Leben unserer Vorfahren, an einen Anker der Zivilisation zu klammern.
Kann ich mir anmaßen zu wissen, wohin mich diese Reise führen wird? Ist es nicht egal, welches Ziel wir ins Auge gefasst haben? Der Weg formt uns. Im Angesicht der Welt ebenso wie vor uns selbst.
Ich fülle meine Flasche mit dem Wasser des Bassins, dessen Grund grün schimmert. Das Metall glänzt im Sonnenlicht und meine Hand schlägt Wellen. Konzentrische Kreise auf stillem Grund. Schattenhafte Fische fliehen aus dem bewachsenen Morast. Im Schatten der Baumkronen ziehe ich weiter unter dem Dach eines Tempels, der keiner Gottheit geweiht ist und dennoch Ehrfurcht einflößt. Die Frage, wer man ist und wer man sein wird, hängt mit den Wegen zusammen, die man wählt.

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