Dienstag, 13. November 2012

Menschen werden immer dümmer?


Der Entwicklungsbiologe Gerald Crabtree von der kalifornischen Stanford University habe eine gewagte These aufgestellt. Nach seiner Argumentation würden die Menschen genetisch bedingt dümmer, weil sich durch den sesshaften Lebensstil und die Bildung einer Gemeinschaft, die den einzelnen stützt, auch die Intelligenz beeinträchtigende Mutationen im Genpool halten könnten und dementsprechend weiter vererbt würden. Der Selektionsdruck werde ausgehebelt.
Offensichtlich ist er sich der geistigen Sprengkraft dieser Aussage bewusst gewesen und hat die Bombe direkt ein wenig entschärft, indem er sie relativierte. Schließlich würde er gern in dieser Gesellschaft leben und es würde nicht nur Nachteile bringen und letztendlich seien auch große Teile der Intelligenz nicht genetisch bedingt, sondern durch Erziehung und Bildung geprägt. Damit ist er zwar haarscharf an rechtem Gedankengut vorbeigeschlittert, ist sich dessen aber noch rechtzeitig bewusst geworden und hat die Bremse durchgetreten. Darwinismus ist ein Naturgesetz, das unsere biologische Entstehung erklärt und kann (und sollte) nicht auf die Gesellschaft übertragen werden, sonst landen wir per Rückkopplung schnell wieder im 20. Jahrhundert, dessen Spitzen jedem gebildeten Menschen bekannt sein sollten.
Das Gedankenspiel ist allerdings interessant. Seine Behauptung veranschaulicht Crabtree am Beispiel eines Jägers, der stirbt, wenn er sich nicht rechtzeitig um gewisse Dinge (Nahrungsbeschaffung, Obdacht, Verteidigung, etc.) kümmert. Der postmoderne Banker wiederum versemmelt durch Spekulationsgeschäfte Milliarden, wird zwar entlassen, bekommt aber trotzdem eine Abfindung mit durchschnittlich sechs Nullen hinter dem Komma.
 Einerseits zeugt der Vergleich des Jägers und Sammlers mit dem gescheiterten Banker von einem gewissen Grad an trocken-akademischen Humor. Andererseits, wenn die These auch gewagt scheint, enthält sie doch einen Kern Wahrheit in einem Mantel aus Sozialkritik. Unsere industrialisierte Gesellschaft ist entwöhnt von der Sorge um die essentiellen Bedürfnisse des Körpers. Sie werden als selbstverständlich hingenommen und kaum noch gewürdigt. Diese Gleichgültigkeit findet ihren Gipfel in halb gefüllten Pommesschachteln am Straßenrand, an denen nur noch Tauben herumpicken, und in mit Schlössern gesicherten Abfallcontainern, in denen Supermarktketten wöchentlich (auf dem Etikett) abgelaufene Ware vor Munddieben wegschließen, damit sie in Ruhe faulen kann und der Inhaber weiter die Kassen klingeln hört. Diese Praktik wäre nicht pervers, wenn auf der anderen Seite des Globus Menschen nicht wegen unserer Dekadenz hungern müssten (Zur Problematik von Fleischkonsum und Biotreibstoff habe ich mich ja bereits früher ausgelassen).
Was tut man also, wenn man sich de facto nicht mehr um das eigene Überleben kümmern muss? Man widmet seine Sorgen und vor allem seinen Zorn Dingen, die bei näherer, logischer Betrachtung belanglos und nichtig erscheinen.
Immer wieder gern zur Ablenkung genutzt wird die zivilisatorisch bedingte Krankheit der Hysterie. Sei diese religiös oder ideologisch motiviert, durch Lebensmittelskandale bedingt oder die angebliche nächste "Superkatastrophe" verursacht.
Ich glaube das Problem ist nicht, dass die Menschen immer dümmer werden (schon gar nicht oder nicht hauptsächlich genetisch bedingt), sondern ihr Potenzial sich stärker dreister selbst zu betrügen und ihre Intelligenz zugunsten der mit der Verdrängung einhergehenden Lüge nicht nutzen. Das ist allerdings keine Erfindung der Neuzeit. Schon im ersten Kapitel des alten Testaments wird im Garten Eden die Dummheit und der Gehorsam Adams über die Intelligenz und Neugierde Evas gestellt. Die verblüffende Eindeutigkeit dieses Bilds im Nutzen für die jeweilige herrschende Klasse stößt auch 5000 Jahre nach dessen Entstehung immer noch auf Widerstand.

http://www.stern.de/wissen/mensch/gewagte-these-die-menschen-werden-immer-duemmer-1925602.html?srtest=1

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