Freitag, 5. Oktober 2012

Das Gummiband - Gedankenexperiment



Von dem geschmacklosen Artikel auf kreuz.net hat sich die katholische Kirche nun distanziert (Artikel auf Focus.de). Was hätte sie auch anderes tun sollen? Ob sie es ehrlich meint steht auf einem anderen Blatt. Ich habe nichts gegen Gläubige, um das klar zustellen. Unter meinen engsten Freunden befinden sich sogar recht viele. Was ich nur auf die Pest nicht ab kann, ist, wenn Probleme, die in einer Institution welcher Natur auch immer, offensichtlich sind und ganz bewusst ignoriert oder weggeheuchelt werden.
Die Problematik des Zölibats ist offensichtlich, trotzdem wurde nur auf Drängen der Öffentlichkeit gegen pädophile Priester vorgegangen und dann auch nur halbherzig. Die Problematik der rechtskonservativen Flügel ist offensichtlich, trotzdem beschreitet unser  toller deutscher Papst den Weg in Richtung Opus Dei und Mittelalter und nimmt sogar die Holocaustleugner der Piusbrüderschaft wieder auf.
Die Problematik des Dogmatismus ist offensichtlich. Regeln, die in einem zweitausend Jahre alten Buch stehen, das aus einer völlig anderen Zeit stammt und von anders denkenden Menschen verfasst wurde, kann man nicht mehr auf unsere heutige Gesellschaft übertragen (bzw nur wenn man die Sätze biegt und dehnt und dann kommt dabei Nonsens heraus, was in der Kirche ja fleißig getan wird). Die Werte, die Jesus vertrat, seien einmal beiseite gestellt. Dieser Mann war seiner Zeit einfach weit voraus, aber er war ein Mensch, hat einen Beruf gelernt und hatte sicherlich auch Frauen in seinem Leben. Die Schilderungen in der Bibel für bare Münze zu nehmen ist naiv und würde bei jedem Geschichtswissenschaftler, wenn es sich um einen vergleichbaren historischen Text handeln würde, aufs Härteste kritisiert.
Ich frage euch konkret: Welche Legitimation hat die Bibel als heilige Schrift und ich muss bitten  dieser Frage offen gegenüberzutreten. Was hat die Bibel, was Gilgamesch, Edda, Odyssee und Ilias nicht haben? Oder um noch dreister zu fragen: Was hat die Bibel, was Karl May, Tolkien und Stephen King nicht haben? Ich habe euch gebeten dieser Frage objektiv gegenüberzutreten, und wenn ihr das tut, wird sich die Antwort in euren Gedanken formieren: Nichts. Es gibt keinen Unterschied.
Ich kann genauso gut an Zwerge, Trolle, Zyklopen und mehrere Götter glauben. Wenn man den Gedanken weiter entwickelt, kann man auch Tolkien zum Propheten erklären oder sich an Halloween vor Pennywise verkriechen. Diese Begründung lässt sich auf jede durch Träumereien erschaffene Welt oder Figur anwendeten. Allein schon der Gedanke daran, was mit den Menschen vor Jesu Geburt geschehen sein soll, wenn man doch über den Glauben an diesen Gott in den Himmel kommt, sollte einen aufgeklärten Menschen schmunzeln lassen. Hätte ein Gott das Nachleben, falls es so etwas überhaupt gibt, an Bedingungen geknüpft, hätte er sie der Menschheit einprogrammiert, genauso wie Informatikstudenten einem Roboter beibringen nicht gegen die Tischkante zu fahren. 
Und nein mit einem Eingriff in den freien Willen hätte das nichts zu tun. Schließlich sind Datenbanken mit Nutzungsbedingungen und Gebrauchsanweisungen auch kein Eingriff in die Entscheidungsfreiheit. Eine Art kollektives Gedächtnis hätte der Menschheit viel mehr geholfen als Sätze in einem Buch, vermittelt durch den Sohnemann, der dann leider Gottes (HaHa ...) von denen, die er retten wollte, auch noch ans Kreuz genagelt wurde.
Außerdem hätte sich ein allwissender Gott der Menschheit niemals offenbart, weil er vorausgesehen hätte, was die für einen Unsinn mit seiner Botschaft anstellen würden. Er würde viel mehr subtil wie ein Marionettenspieler im Hintergrund die Fäden ziehen. Allein diese Gründe entziehen der Bibel, dem Koran oder jeder anderen heiligen Schrift den hervorgehobenen Anspruch auf Wahrheit. Macht den Test und versucht die Einwände zu entkräften. Objektivität vorausgesetzt. Barnum-Aussagen und Phrasendrescherei sind keine widerlegenden Antworten. Wenn man lange genug sucht, findet man in jedem Text die Möglichkeit etwas zu begründen. Ob das nun "Per Anhalter durch die Galaxis" ist oder die Bibel.

Ja man kann keinen ultimativen Gegenbeweis zur Existenz Gottes oder der Heiligkeit irgendwelcher Schriften bringen, genauso wenig kann man das widerlegen, was ich oben aufgeführt habe, wenn man nur einmal objektiv darüber nachdenkt. Die übernatürlichen Bilder in der Bibel sind in einer abergläubischen Zeit entstanden - damals konnten sich Priester noch Völker mit Zaubertricks unterwerfen, die heute zum Standardrepertoire jedes Bühnenmagiers gehören. Wollen wir Copperfield deswegen zum Propheten küren, weil die Freiheitsstatue verschwinden lässt und auf sicherlich sehr viel eindrucksvollere Weise über das Wasser läuft als Jesus? Die Antwort: Nein, weil wir wissen, dass es Tricks sind. Wieso ist es für einige Menschen dann so schwer dieses Wissen auf die Vergangenheit zu übertragen?
Um es zusammenzufassen: Verlässlichkeit der Zeugen: Mangelhaft, Verlässlichkeit des Stoffs: Mangelhaft, Verlässlichkeit der richtigen Deutung der Ereignisse: Mangelhaft. Mit anderen Worten die Bibel ist ein Stück Weltliteratur und so sollte sie behandelt werden. Nicht mehr und auch nicht weniger. Nachdem Platon seinen idealen Staat entworfen hat, ist auch keiner auf die Idee gekommen ihn umsetzen zu müssen, obwohl dieser sicherlich ein schlauer Mann gewesen war.
Liegt da vielleicht die Lösung des Problems? Werden sich einige fragen. Schließlich hat sich das Christentum rasant und flächendeckend über den Globus ausgebreitet. Auch hier gilt wieder die Devise: Der Schein trügt. Das Christentum hat sich aus zwei Gründen über Europa und schließlich darüber hinaus ausgebreitet:

Zum Einen das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Die (einfachen) Menschen waren es Leid dutzende Götter zu verehren. Eine Religion, die alle Aspekte bündelte und eine allmächtige Instanz schuf kam ihnen entgegen. Dass dieser Gott dann anstatt teurer Tier- und Ernteopfer, nur Gebete und die Anwesenheit in einer Kirche als Gegenleistung für seine Gunst forderte, dürfte auch einen nicht unerheblichen Grund dargestellt haben.

Zum Anderen gab es, ganz profan, keine einfachere Möglichkeit als die Bekehrung zum Christentum und das daraus resultierende Gottesgnadentum um Gewaltherrschaften zu legitimieren. Gott konnte ja nicht widersprechen. Also setzten Tyrannen wie Olaf Tryggvarsson und Opportunisten wie Konstantin der Große ihre Machtpläne blutig in die Tat um und formten über Jahrhunderte voller Gemetzel die christliche Welt des Mittelalters. Es folgten Jahre der politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Stagnation und schließlich Veränderung. Gott und Bibel sind dabei nur Nebenschauspieler, die sich aber, von Generation zu Generation weitervererbt, wie Kletten in den Köpfen der Menschen hielten.
Nur daraus resultiert, dass wir heute zur Mehrheit christlich erzogen worden sind. Alle Alternativen, inklusive des relativ liberalen römischen und griechischen Götterkults, wurden schlichtweg und buchstäblich in den Kriegen von machthungernden Despoten abgeschlachtet. Als bedauernswerter Nebeneffekt sind große Teile der ursprünglichen Kulturen Europas und des Mittelmeerraumes für immer verloren gegangen. Last Man Standing. Keine wirklich christliche Ethik. Vergangenheit wie Zukunft sind Aspekte, die Menschen gerne ignorieren, obwohl sie viel daraus lernen könnten, wenn sie sich nur einmal die Zeit nehmen würden, objektiv hinzusehen.

Einige Leute werden nun glauben, ein letztes Ass im Ärmel zu haben. Welche Alternative sollte es geben? Die atheistischen Regime des 20. Jahrhunderts hatten in noch nie dagewesener Form Menschenleben vernichtet. Sie zeigten, was Gottlosigkeit anrichten würde. Abgesehen davon, dass die Päpste des Mittelalters Hitler und Stalin in nichts nach standen, was kulturelle Brandschatzung, Verfolgung, Folter und Tötung von Oppositionellen angeht, sind es zwei Seiten derselben Münze.
Stellt euch meinen Daumen als die Gesellschaft vor und nun stellt euch vor wie ich ein Gummiband um meinen Daumen lege und anfange daran zu ziehen. Es soll sinnbildlich für eine Ideologie stehen, welche spielt für die Aussage des Effekts keine Rolle. Das Gummiband wird immer weiter gespannt, die Ideologie strapaziert und verbreitet. Das Gummiband spannt sich weiter, die Vertreter der Ideologie verstricken sich in Widersprüche, ziehen persönliche Vorteile aus heiligen Posten. Anstelle der geistigen und seelischen Auseinandersetzung mit dem Stoff, stehen nun Dogmatismen und Parolen. Sätze und Regeln mit denen kritische Gehirne gewaschen werden und die den Menschen das Denken abnehmen. Das Gummiband ist maximal gespannt, aus der Ideologie ist ein dekadentes, korruptes Regime geworden, das die Menschen unterdrückt. Was passiert?
Ich kann versuchen das Gummiband weiter festzuhalten, doch irgendwann werden meine Finger taub. Wenn es bis dahin nicht ohnehin gerissen ist, werde ich es loslassen müssen. Was dann passiert ist, worauf ich hinauswill. Das Gummiband des christlichen Glaubens wurde im Zeitalter des aufkeimenden Humanismus losgelassen. Es schnellt nach vorne, landet bei Luther und seiner Reformation, landet in der Romantisierung und Glorifizierung der Antike, landet im Sozialdarwinismus, der letztendlich im ersten Weltkrieg, im Nationalsozialismus, im Kommunismus mündete. Das Gummiband ist der Ausdruck für eine elementare menschliche Sucht: Die Sucht nach Selbstgefälligkeit, die Sucht, etwas besseres zu sein und einem höheren Ziel zu dienen. Der bloßen Existenz eine Bedeutung zuzuführen, die die Natur und die Logik den Menschen schlichtweg verwehrt.

Der Gedanke auf den ich hinaus will ist folgender: Warum akzeptieren wir die Existenz dieses Gummibandes? Anstatt es immer wieder lang zu ziehen und uns wundern, wie am Ende etwas Monströses daraus entstehen konnte, verhindern wir durch Hinterfragen von Tabus und geheuchelten Werten, Normen und Regeln mit unserem Verstand, dass es sich überhaupt erst spannt. Man kann die Phase der Spannung des imaginären Gummibands immer sehr gut am Wachstum der Anzahl an Fanatikern in einer Ideologie erkennen. Die Fähigkeit zur Reflektion ist Fanatikern abhanden gekommen und das ist es, was sie so gefährlich macht.

Ich hoffe ich konnte denen, die sich die Mühe machen und diesen Blog lesen, ein paar Denkanstöße geben.

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