Montag, 27. August 2012

Tiger

Löwen, Tiger, Bären, Haie. Die großen Jäger. Sie faszinieren bis heute. Früher, als der Mensch noch Jäger und Beute zugleich war, hat man sie verehrt. Es war Ausdruck des Neids eines vergleichsweise schwachen Menschen, der nichts weiter hatte als seinen Verstand. Bär, Wolf, Tiger und Co wurden zu spirituellen Instanzen. Kein Wunder, dass die ältesten Religionen Tiere oder Geister in ihrer Gestalt verehrten. Der frühe Mensch sah in ihrer Anmut und Stärke das Göttliche hervortreten.
Mit der Zivilisation änderte sich das Bild vom großen, anmutigen Räuber. Der Mensch, beseelt durch die neue Kraft, die ihm Metall und Feuer gegeben hatten, verlor die Furcht vor denen, die ihm einst überlegen waren. Edle Geister degenerierten zu Symbolen. Die Stärke von Pranken und Zähnen verkam zu Pelz und Knochen, die einen Preis auf einem Markt erzielen. Vom Naturgeist zur Ware. Die Jäger wurden zu Gejagten der Geltungssucht der einstigen Beute. Hier war er, der neue Herrscher, der neue König über den Planeten und wie bei jedem Machtwechsel musste das alte Regiment abgesetzt und hingerichtet werden.
Darum sind die großen Räuber heute vom Aussterben bedroht. Durch Rodung, Umweltgifte und Jagd. Der Respekt vor Raubkatzen, Bären und Wölfen hat sich gehalten. Ebenso die Angst. Sie sind in uns geblieben zusammen mit organischen und psychischen Rudimenten aus der Jäger- und Sammlerzeit. Vielleicht kann man dadurch erklären, warum die großen Räuber bis heute die Hauptattraktion in jedem Zoo darstellen. Allerdings ist dieser Respekt und auch die Angst nur noch schwach ausgeprägt und schwindet weiter, wenn man die einstigen Könige durch Reifen springen sieht und hohe Gitter und Mauern den Menschen vor dem Räuber abschirmen. Schließlich ist auch Arroganz ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Seele geworden. Sie kam mit der Zivilisation.
Die Helden der Antike scheiterten immer an ihrem eigenen Stolz. Ein Domteur wurde von dem Tier angegriffen, dass er von klein an aufgezogen hatte. Eine Tierpflegerin ist gestorben, weil sie unachtsam war. Der Tiger wurde erschossen. Die Machtverhältnisse wiederhergestellt. Es ist eine unbequeme Wahrheit, die uns die Arroganz, der wir Zivilisierten verfallen sind, verschleiert und die uns in diesen Momenten wieder bewusst wird: Man kann und wird niemals alles kontrollieren können. Nichtsdestotrotz ist die Arbeit der Zoos wichtig, um diese einzigartigen Tiere zu erhalten, damit sie nicht vollends zu Legenden verblassen. Man sollte jedoch nie vergessen, wer dort hinter dem Gitter auf und ab wandert. Der Respekt muss gewahrt bleiben.

http://www.koeln.de/koeln/nachrichten/lokales/tiger_aus_koelner_zoo_ausgebrochen_632878.html

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