Samstag, 25. August 2012

Fragmente: Milos Tauchgang

Es war der 18. Oktober 1895, als die RMS Leeroy in der Tiefe verschwand. Ein Sturm war aufgezogen. Die Wellen hatten das Passagierschiff hin und her geschleudert, als bestünde es aus Pappe und nicht aus Stahl. Es war zum Spielzeug Poseidons geworden und der schien einen Groll gegen den Kapitän zu hegen. Es hieß, dem Kapitän wären nur zehn Minuten geblieben, um einen Notruf an das Festland zu senden und die Evakuierung zu organisieren, dann war das Schiff voller Wasser gewesen. Es musste ein grauenvolles Gefühl gewesen sein, den dumpfen Schlag zu hören, der das Riff ankündigte. Sekunden, bevor der Aufprall alle zu Boden warf. Die Rettungskräfte bargen dreizehn Überlebende, während Besatzung und die übrigen 130 Passagiere vermisst blieben. Ertrunken, erschlagen. Familien wie Alleinstehende. Unternehmer und Ölmagnaten in den geräumigen Luxuskabinen ebenso wie die Arbeiter, die den Kohleofen befeuert hatten. Die Natur machte keinen Unterschied zwischen arm und reich, gut oder böse.
Manchmal dachte Milo an diese Dinge, bevor er tauchen ging. Ein Wrack war immer mit einer Geschichte verbunden und die war meistens schlecht ausgegangen. Er spürte den frischen Seewind auf dem Gesicht und rieb sich die Nase an der Stelle, wo die Taucherbrille saß. Im Neoprenanzug saß er am Rand seines Zodiacs, die Beine im Wasser. Am Horizont zeichnete sich die Küste Kubas ab, darüber erstreckte sich klarer blauer Himmel. Das Meer zeigte sich von seiner freundlichen Seite. Milo versuchte sich vorzustellen wie es in jener Nacht gewesen sein musste, als die Leeroy sank. Die Sonne glitzerte auf den flachen Wellen.
"Willst du da Wurzeln schlagen?", fragte jemand am Bug des Schiffs.
Es war Kate, die an ihrem Laptop mit dem wasserfesten Gehäuse saß und die Fotos der letzten Tour durchging. Die Kamera mit dem Plastikgehäuse lag neben ihr. Sie hatte genug gesehen, er wollte noch einmal runter. Milo grinste und nahm das Mundstück und gab ihr ein Zeichen: Alles Okay. Dann ließ er sich mit geschlossenen Augen ins Wasser fallen. Eine angenehme Kühle umfing ihn und der Druck legte sich auf seine Ohren, kapselte ihn ab von der Welt dort oben, in der 30 Grad im Schatten herrschten und irgendwelche Politiker glaubten sie müssten Entscheidungen über sein Leben und das von Millionen anderen fällen. Er öffnete die Augen und konnte durch das Plexiglas seiner Taucherbrille das Riff erkennen, dessen gezackter Kamm sich in der Ferne als undeutlicher Schatten abzeichnete. Dort war das Schicksal der Leeroy besiegelt worden. Die Strömung hatte das Schiff noch einige Meter weiter gerissen und lag nun auf flachem Sandgrund. Die Strömung zeichnete sich in den Wellen im Sediment ab und Sonnenstrahlen stachen durch die Oberfläche bis zum Grund vor.
Bald hatte er das Wrack vor sich. Der Stolz des Passagierdampfers war unter Rost, Schwämmen und Weichkorallen verschwunden. Milo nahm sich die Zeit und schwamm einmal um das Schiff herum, bevor er sich näherte. Im Rumpf, auf noch Teile des roten Anstrichs zu erkennen waren, prangte ein schwarzes Loch. Dann ließ er sich tiefer sinken, um in das Loch hineinzusehen. Doch es war zu dunkel, um irgendwas zu erkennen. Beim ersten Tauchgang hatten sie Scheinwerfer dabei gehabt, für die Fotos. Die beständigen Geräusche des Atemgeräts und das allgegenwärtige Rauschen des Wassers gaben der Ruine eine geisterhafte Ruhe.
Milos Blick verharrte auf einer Gruppe von Seeanemonen, dann ließ er sich noch tiefer sinken. Es war nicht selten, dass man im Sediment, das ein Wrack umgab, alte Sachen fand. Es waren seine Andenken, die Erinnerung an eine weitere Katastrophe, deren Überreste er gesehen hatte. Es war eine Erinnerung an die Kunst des Verfalls und dass man sie nicht vom Leben trennen konnte. Etwas zerfiel und machte Platz für etwas neues. Der silberne Anhänger, den er schließlich fand, war korrodiert und hatte die Form eines Delfins. Als Milo ihn anhob förderte er noch eine Kette zutage und wirbelte den Schlamm auf. Er verstaute die Halskette in seiner Beintasche. Es war eine gute Trophäe, eine erfolgreiche Jagd.
 In der nächsten Stunde erkundete er abermals das Wrack und war allein mit sich und seinen Gedanken. Die Fische schienen diesen Ort zu meiden. Er hob den Kopf und erkannte die Silhouette des Bootes an der Oberfläche und in einiger etwas Anderes.
Es war der Schatten, vor dem Milo sich immer gefürchtet hatte, seit er im offenen Meer tauchte. Der Hai bewegte sich elegant und näherte sich zielstrebig. Milo spürte wie sein Herz schneller schlug. Wärme stieg ihm ins Gesicht. Mit aller Kraft stieß er sich vom Wrack ab und erkannte im gleichen Moment, dass es ein Fehler war. Er sah sich plötzlich Auge in Auge mit dem König, in dessen Reich er eingedrungen war.
Milo wusste natürlich, dass die Geschichten vom menschenfressenden Killerhai Ammenmärchen waren, dennoch suchte sein Verstand fieberhaft nach Bildern, um ihn zur Flucht zu treiben. Blut kam darin vor und Kate, die seinen Leichnam aus dem Wasser ziehen würde. Doch wie jeder erfahrene Taucher wusste Milo, dass hastige Bewegungen, die Tiere erst recht neugierig machten. Er zwang sich zur Ruhe.
Respektiere ihn, halte ihm stand. Der Raubfisch versetzte Milo einen Stoß mit der Schnauze und schwamm so dicht an ihm vorbei, dass Milo die raue Haut berühren konnte. Das Tier störte sich nicht daran und begann Kreise um den Taucher zu ziehen.
Ein Teil in Milo, der ebenso neugierig zu sein schien wie der Hai, wollte, dass dieser Moment nie zu Ende ging, der andere versuchte ihn zu überreden zum Boot zu zurückzuschwimmen.

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