Sonntag, 12. August 2012

Fragmente: Dianas Lektion

Das Zirpen der Grillen läutete die Abend ein. Sie versteckten sich im hohen Gras, das sich vor der Brise neigte, als würde es sich unterwerfen. Diana saß gegen eine einsame Eiche gelehnt und wartete auf die Dämmerung. Heute war ihre Zeit gekommen. Sie spürte es. Das Feld dehnte sich bis zum Horizont aus. Wolken schwebten blutgetränkt dorthin, wo der Wind sie haben wollte.
Diana ließ ihren Blick schweifen. Sie wollte nicht, dass ihr etwas entging. Jedes Detail war wichtig, jede Bewegung elementar. Das war eine ihrer ersten Lektionen gewesen. Doch alles, was sich bewegte waren Halme und Blätter im Wind. Einmal verschwand ein Kaninchen in der Brombeerhecke, die das Feld von der Autobahn trennte. Ein anderes Mal war sie zusammengezuckt, als eine Krähe sich mit einem Schrei aus dem Roggenfeld erhob und davonflatterte. Eine normale Krähe.
Sie musste an ihre Kindheit denken, die sich auf einer weit entfernten Insel zu befinden schien. Nur noch ein Foto von einem Atoll in einem Reisekatalog. Sie beobachtete die Sonne bei ihrem Niedergang. Auch wenn ein frischer Wind aufgezogen war, spürte sie die Wärme der letzten Strahlen auf der Haut. Sie dachte an ihre Eltern, diese Spießer in ihrer Apartmentwohnung im gehobenen Viertel Hamburgs. Sie hatte diesem Leben nie viel abgewinnen können. Der einzige Vorteil war, dass man ohne Mühe an die Dinge kam, die man haben wollte. Er hatte alles abgerissen und eingeebnet, war mit einer Planierraupe über ihr Leben gefahren und hatte die Wirklichkeit neu eingeebnet.
Seit ihrer ersten Begegnung hatte sie beschlossen so zu werden wie er. Und wenn sie etwas beschloss, rannte sie solange gegen Mauern bis sie es erreichte. Ihr Vater hatte ihr früher vorgehalten, sie sei stur. Diana empfand das nicht als Manko, sie empfand es als befreiend. Sie war frei, zu denken und zu tun, was sie wollte. Wenn man etwas wollte konnte man es mit Leidenschaft verfolgen.
Die Karte, die sie in der Hand hielt, hatte nach wie vor nichts besonderes. Sie blieb gewöhnlich, egal wie oft Diana sie gegen das Licht hielt oder in der Hand drehte. Sie fragte sich, warum er sie ausschickte, um Karten wie diese zu holen. Es war der Pik-König eines gewöhnlichen Kartenspiels. Natürlich war Diana nicht in der Lage das zu beurteilen. Noch nicht. Sie war die Schülerin. Die Beine angezogen streckte sie ihre Arme und ihren Rücken, die vom langen Sitzen allmählich steif wurden. So langsam könnte er sich blicken lassen. Kaum hatte sie den Gedanken gefasst, zog eine Brise auf, die sie frösteln ließ. Sie schob sich eine Strähne des schwarzen Haares aus dem Gesicht, sprang auf und gesellte sich zu dem Mann, der inmitten des Getreides erschienen war.
Mittlerweile beeindruckte Diana das theatralisches Gehabe nicht mehr. Es war als würde der Verstand im Laufe der Zeit immun dagegen. Beim ersten Mal war sie überrascht gewesen, doch seitdem war über ein Jahr vergangen. Seit sie von Zuhause ausgerissen und sich einem Magier angeschlossen hatte.
"Du bist früher dran als sonst", sagte Diana. Sie hielt ihm die Karte hin, die der Magier sofort in seinem Mantel verschwinden ließ. Er war in Weiß gekleidet, mit Lacklederschuhen und einem Hut, mit schwarzem Band. Sie vermied es, ihm in die Augen zu sehen, während er sie intensiv musterte. Es waren harte Augen, die Augen eines gealterten Lebenskünstlers. Doch sein sorgfältig gestutzter Bart und der Geruch seines Rasierwassers ließen ihn wie einen Adligen wirken. Dass die Öffentlichkeit ihn für einen halben Kriminellen hielt, kam dem Betrachter kaum in den Sinn. Vielleicht war das seine Stärke, ein Teil der Täuschung und Illusion, die ihn umgab.
"Sehr gut, sehr gut", sagte er.
Es klang als wäre er mit den Gedanken woanders. Diesen Eindruck hatte Diana in seiner Nähe öfters, doch sie wusste, dass ihm nichts entging.
"Die nächste Karte befindet sich in einem Gebäude, einer ehemaligen Stahlfabrik, in einem Dorf 200 Kilometer nördlich."
Sie verdrehte die Augen. "Noch eine? Was ist an diesen Karten so besonders, dass wir sie sammeln?"
"Du sammelst sie."
"Ja ich und ich werde dabei fast getötet. Letzte Woche hat mich ein Bulle fast erschossen! Nicht zu schweigen von den Anderen. Gestern, als ich diese Karte aus der Bank gestohlen habe, hatte ich ein ganzes Bataillon auf den Fersen."
Der Mann hockte sich hin und pflückte einen Getreidehalm, auf dessen Ähre ein schwarzroter Käfer krabbelte.
"Niemand hat behauptet, dass der Pfad, den du gewählt hast, leicht ist. Geduld ist eine Tugend, Diana. Sie kann nur belohnt werden." Er grinste und betrachtete wie der Käfer sich ungelenk vor und zurück bewegte. "Du wirst die Früchte deiner Arbeit eines Tages ernten."
Bestimmt war er es, der ihr die Jäger auf den Hals gehetzt hatte. Test folgte auf Test. Nur dass man diesen Test nicht wie eine Führerscheinprüfung wiederholen konnte. Sie unterdrückte ihre Wut und zwang sich tief einzuatmen, um sich zu beruhigen. Er wandte ihr den Rücken zu.
"Gut. Selbe Zeit, selber Ort?"
"Du kennst mich, ich bin immer pünktlich." Der Halm hatte sich in eine Rose verwandelt, die er ihr überreichte. Diana wollte sie ihm aus der Hand schlagen und darauf herum trampeln, doch sie nahm die Blume an. Es war einer dieser Tricks, bei denen sie sich nie sicher war, ob es die eines Taschenspielers oder die eines Magiers waren. Sie nahm sich vor nächstes Mal genauer hinzusehen. Falls es ein nächstes Mal gab.
Am Blattansatz hing ein Schlüssel mit der Nummer 54.
"Eine weitere Lektion?", fragte Diana.
Ihr Lehrer ging nicht auf die Frage ein. Der Magier hatte ihr wieder den Rücken zugewandt und betrachtete die Dämmerung und die blutgetränkten Wolken. "Der Schlüssel passt zu einem Schließfach am Bahnhof."
Dann war er verschwunden, ohne Abschiedsgruß und ohne Wunsch. Diana wäre zufrieden, wenn er ihr wenigstens einmal viel Glück wünschen würde. Sie fluchte. Sie nahm den Schlüssel und warf die Rose achtlos ins Feld. Dann bahnte sich einen Weg zurück an ihren Platz. Ihr war es egal, ob sie dabei einen Trampelpfad hinterließ.
Zum ersten Mal zweifelte sie an ihrer Entscheidung, doch es gab kein Zurück mehr. Sie war aus einem Käfig ausgebrochen und in einem neuen gelandet.

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